Donnerstag, der 17. August 1961:
Aktuell-politische Sendungen im Berliner Rundfunk

Die Sendeminuten der aktuell-politischen Berichterstattung über den Mauerbau nahmen am 17. August ab. Wie an den vergangenen Tagen wurde im Nacht- und Frühprogramm jedoch das „Große Wunschkonzert für die Streitkräfte der DDR“ ausgestrahlt. Dazwischen gab es einige – wahrscheinlich satirische – Einblendungen.

Grenzkontrollpunkt Friedrichstraße, Berlin 13.12.1961,Foto: Bundesarchiv, Bild 183-88832-0004/Stöhr/CC-BY-SA 3.0

In der Sendung „Pulsschlag der Zeit“ von 10.40 Uhr erfüllte der Hörfunk Musikwünsche von Grenzsoldaten. In der gleichen Sendung wurde in einem Gespräch mit dem Bevollmächtigten zur Vorbereitung der Wahl in Ost-Berlin, Gerhard Dengler, überraschend offen über die mangelnde Bewegungsfreiheit der DDR-Bürger gesprochen. Doch die als „bedrückend“ bezeichnete Situation, die Angehörigen auf der anderen Stadtseite nicht besuchen zu dürfen, wurde – wider der historischen Realität – vom Reporter nur als vorübergehend dargestellt:

„Auf die Berliner Verhältnisse bezogen heißt das, dass es sehr bedrückend ist für diesen und jenen Berliner, weil er zur Zeit seine Verwandten und Freunde in West-Berlin nicht besuchen kann, dass diese Einschränkung doch nur eine vorübergehende ist und in dem Moment wo das West-Berlin-Problem geregelt ist, mit dem Status einer freien Stadt, auch wiederum die Möglichkeit bestehen wird, dass derartige Einschränkungen fortfallen.“

Dieser Beitrag stellte eine neue Qualität in der Darstellung des Mauerbaus im Berliner Rundfunk dar. Während in den vergangenen Tagen der Tenor der aktuell-politischen Sendungen deutlich auf „alles geht seinen normalen Gang“ lag, wurden nun auch die mit dem Mauerbau verbundenen Freiheitsbeschränkungen für die Ost-Berliner thematisiert.

Direkt im Anschluss wurde die Grenzschließung jedoch wieder als notwendige und begrüßenswerte Maßnahme dargestellt. Ein Beitrag berichtete über die versuchte Entführung eines Kindes aus Lichtenberg und die Mutter des Jungen äußerte im Interview, dass sie „froh“ über die Schließung der Grenze sei und sagte, „man hätte es eher machen sollen“. Es folgten die gewohnten Stimmungsbilder zu den „Maßnahmen der Regierung“, diesmal unter anderem aus der Firma „Gericke & Co“. Neu an dem Interview mit dem Firmeninhaber Gericke war, dass nun auch berichtet wurde, dass sich einige Kollegen wegen ihrer Verwandten auf der anderen Seite besorgt über die Grenzschließung äußerten. Dieser Standpunkt  wurde allerdings als egoistische Sichtweise verurteilt. Auch die von einigen Arbeitern monierte Anwesenheit von Panzern in der Stadt wurde im Interview in ein positives Licht gestellt. In diesen Stimmungsbildern versuchte der Rundfunk offensichtlich auf die gegen den Mauerbau gerichteten Diskussionen in der Bevölkerung zu reagieren.

Die Abendausgabe von „Pulsschlag der Zeit“ um 18.30 Uhr beinhaltete ein Interview mit dem Radrennstar Täve Schur, der seine Freude darüber äußerte, dass „der Laden nun endlich dicht ist“. Zudem verlas eine westdeutsche Arbeiterin einen Brief an Walter Ulbricht in dem saarländische und rheinland-pfälzische Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Zustimmung zum Mauerbau kund taten.

"Der schwarze Kanal" vom 13. August 1961, Karl-Eduard von Schnitzler

Der Kommentar des Tages um 19.45 Uhr kam diesmal vom Chefpropagandisten Karl-Eduard von Schnitzler. Der Titel des nur im Schriftgut überlieferten Kommentars war „Willy Weinbrandt“ und hatte die Protestkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus vom Vortag zum Gegenstand.

Auch auf der Berliner Welle nahm Gerhard Mackat nach den 19-Uhr-Nachrichten Willy Brandt aufs Korn:

„Das große Abstinken des jämmerlichen Karrieristen Willy Brandt alias Herbert Ernst Karl Frahm geht unentwegt weiter. Es werden bereits Wetten abgeschlossen, ob er eher als politische Leiche oder als Deliriker zu Boden geht. Die letzten 24 Stunden brachten einen Tiefschlag nach dem anderen.“

In „Die aktuelle Berliner Welle“ bauten die Verantwortlichen zudem unter dem Titel „Feindliche Brüder“ ein aktuelles Spottlied auf Brandt ein, das ihn als hilflos und isoliert darstellte.

Ein Thema auf das mehrfach in der Sendung eingegangen wurde, war der S-Bahn-Boykott, zu dem der Deutsche Gewerkschaftsbund aufgerufen hatte. In einer Reportagefahrt durch West-Berlin behauptete der DDR-Korrespondent, die West-Berliner Bevölkerung würde sich an diesen Boykotten nicht beteiligen. In der Realität führte die Verweigerung der West-Berliner Bevölkerung zu einem dramatischen Fahrgastrückgang.

Um kurz nach 0.00 Uhr übernahm die Berliner Welle wie gewöhnlich das Programm des Berliner Rundfunks. Die Hörer bekamen erneut ein Nachtprogramm mit der Gruß- und Wunschsendung für die Streitkräfte der DDR geboten.

 

                                                                                        Alexandra Luther/Karl Obermanns