Mittwoch, der 16. August 1961:
Aktuell-politische Sendungen im Berliner Rundfunk

Die Überlieferungslage für den 16. August ist im Berliner Rundfunk verhältnismäßig schlecht, so dass an diese Stelle auf das Schriftgut und den Programmablaufplan zurückgegriffen werden muss. Gut sieht es hingegen bei der Berliner Welle aus, auf deren Sendungen ausführlicher eingegangen werden kann.

Konrad Adenauer besucht am 22.08.1961 West-Berlin, rechts Willy Brandt, Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-P046883/ Author: Unknown/CC-BY-SA 3.0

Im Frühprogramm des Berliner Rundfunks wurde das Nachtprogramm fortgesetzt und startete mit zahlreichen Spitzen auf Willy Brandt: Mehrmals wurde am Morgen der satirische „Wetterbericht und Wechselkurs für Schöneberg“ gesendet und Brandts „Steckbrief“ wurde über drei Minuten ausgebreitet.

Willy Brandt hatte sich durch seinen vehementen Einsatz gegen Mauerbau und Grenzschließung zur Zielscheibe der DDR-Propaganda gemacht. Bundeskanzler Konrad Adenauer reiste erst am 22. August 1961 nach West-Berlin und schlug insgesamt einen diplomatischeren Ton an. Am 16. August empfing er in Bonn den sowjetischen Botschafter Smirnow und gab ihm die Zusicherung, dass die Bundesregierung nichts unternehmen würde, was die Beziehungen zur UdSSR erschweren würde. In der westdeutschen Öffentlichkeit stieß er mit dieser Äußerung auf wenig Verständnis. Problemtisch für die Position Brandts war auch, dass er und Adenauer sich während der Berlin-Krise als Spitzenkandidaten ihrer Parteien im Bundestagswahlkampf befanden und dadurch der Ost-Propaganda reichlich Material lieferten.

Auf einer Protestkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus am Nachmittag des 16. Augusts sprach Willy Brandt vor etwa 300.000 West-Berlinern und appellierte an alle Funktionäre und an die Militärs der Ostseite: „Lasst euch nicht zu Lumpen machen.“ Er erzählte ferner von seinem Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, in dem er ihn zu politischen Aktionen aufgefordert habe: „Berlin erwartet mehr als Worte.“

Im Kommentar des Tages auf dem Berliner Rundfunk um 19.44 Uhr, der nur im Schriftgut überliefert ist, nimmt Herta Classen auf das nicht eingreifen des Westens Bezug und zitiert aus der Bild-Zeitung vom 16. August 1961:

„Die an allen Ecken Berlins vertriebene Bildzeitung hat heute eine Schlagzeile mit Buchstaben von zirka acht Zentimetern Höhe. Sie lautet: „Der Westen tut nichts!“ Und darunter, drei Zentimeter hoch drei doppelzeilige Seufzer: "US-Präsident Kennedy schweigt...“ „Macmillan geht auf die Jagd und Adenauer schimpft auf Brandt.“ Daneben auf gelben Grund ein Leitartikel, in dem es von Worten wimmelt wie „enttäuscht“, „wie kläglich“, „hilfloses Abwarten“. Und da sollte einem nicht das Lachen kommen.“

In seinem Abendkommentar auf der Berliner Welle unter dem Titel „Zur  Brandt-Stimmung“ griff Alfred Fleischhacker dieselben Zeitungsmeldungen auf. Er ging auch direkt auf die Protestkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus ein.

„Die Enttäuschung des Herrn Brandt über seine Verbündeten klang auch immer wieder in seiner Vorstellung heute Nachmittag auf dem Rudolph-Wilde-Platz durch. Zeitweise hatte man den Eindruck, als ob es sich um eine Protestkundgebung gegen den Westen handele. Die kalten Krieger sind enttäuscht, weil sich die Welt von ihnen nicht an den Rand eines atomaren Krieges führen lässt. Der Westen ist zurückhaltend, meine Hörer, weil wir stark sind, weil das Recht auf unserer Seite ist und weil die Völker des Westens nicht daran denken, für Herrn Brandts Frontstadt eine Katastrophe zu riskieren.“

Im Anschluss folgte in der „aktuellen Berliner Welle“ ein Ausschnitt aus der Rede Friedrich Eberts, dem Oberbürgermeister von Ost-Berlin auf der 22. Stadtverordnetenversammlung. Später wurde ein Gespräch mit dem Präsidenten der Reichsbahndirektion, Otto Arndt, ausgestrahlt. Er berichtete, dass im Westen der Betrieb reibungslos verlaufe aber von so genannten „Achtgroschenjungen“ S-Bahnhöfe und Bahnen in West-Berlin verwüstet worden seien. Er gab an, die Reisenden würden sich von solchen Provokationen distanzieren. In der Realität rief der Deutsche Gewerkschaftsbund noch in der Mauerbau-Woche die West-Berliner dazu auf, die S-Bahn zu boykottieren, was zu einem dramatischen Fahrgastrückgang führte.

Auch in der Sendung „Pulsschlag der Zeit“ ab 18.30 Uhr im Berliner Rundfunk wurde über die „S-Bahn-Provokationen“ berichtet. Der Schlussbeitrag in der Sendung „Die aktuelle Berliner Welle“ war dem letzten Verhandlungstag im „Menschenhändlerprozess“ vor dem Obersten Gericht der DDR gewidmet, über den die ganze Woche durchgängig berichtet worden war. In dem „Schauprozess“ wurden zwei der Angeklagten zu 12 Jahre Zuchthaus, einer zu 7 Jahre Gefängnis und die Angeklagte Pauls zu einem Jahr und 6 Monaten verurteilt.

                                                                                         Alexandra Luther/Karl Obermanns