Dienstag, der 15. August 1961:
Aktuell-politische Sendungen im Berliner Rundfunk

Abriegelung des Brandenburger Tores in Berlin, August 1961, Foto: Pressebild-Verlag Schirner/DHM, Berlin

Im Frühprogramm des Berliner Rundfunks am 15. August liefen immer wieder kurze Einblendungen vom Brandenburger Tor. Etwa ein Gespräch mit „Kämpfern“ oder mit einem Kommandeur der Kampfgruppen. Am Vortag hatte das SED-Politbüro beschlossen, den Grenzübergang am Brandenburger Tor ab 14.00 Uhr „vorübergehend“ zu schließen. Begründet wurde dieser Schritt mit Provokationen von West-Berliner Seite.

Im Gegensatz zu diesen Entwicklungen wurde in der Sendung „Pulsschlag der Zeit“ um 10.40 Uhr die Parole ausgegeben „alles geht seinen gewohnten Gang":

„Berlin, die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, bot heute Morgen wie immer das gewohnte Bild. Die Menschen gehen zur Arbeit, die Hausfrauen kaufen ein und die Rentner machen Spaziergänge in den Parks und Grünanlagen unserer Stadt. Auch jenseits der Sektorengrenze in West-Berlin geht alles seinen gewohnten Gang. Abgesehen von einigen arbeitsscheuen Radaubrüdern, die hier und da stänkern und sich damit schrecklich interessant und freiheitlich vorkommen. Uns stört das herzlich wenig und die bewaffneten Sicherheitsorgane unserer Republik, die die Grenzen schützen, lassen sich von Ihnen nicht provozieren.“

Frauen überreichen Blumen an Grenzsoldaten, Berlin 28. Oktober 1961, Foto: DRA/Vent, Günther

In der Sendung wurde zudem berichtet, dass die Berliner an der Sektorengrenze die Grenzsoldaten „aus privater Initiative heraus“ bewirtet hätten. Hierzu wurde eine Reportage vom Kontrollpunkt Sonnenallee gesendet. Zwei Volkspolizeiangehörige berichteten von der guten Stimmung unter den Kameraden und darüber, dass die Anwohner ihnen Kaffee und Blumen gebracht hätten. Ziel dieser Darstellung war augenscheinlich, den Hörern die angeblich breite Zustimmung der Bevölkerung zum Mauerbau zu suggerieren.

Dazu passend waren auch die anschließenden Stellungnahmen von Arbeitern gestaltet, die ihre „Produktionstaten“ ins Mikrofon sprachen. In der üblichen Glosse von „Pulsschlag der Zeit“ wurden die West-Berliner Unternehmer aufs Korn genommen, die nun, da ihnen die Grenzgänger aus dem Osten als Arbeitskräfte fehlten, ein „Wehgehäul“ anstimmen würden. In dieser Glosse wurden zudem Spitzen auf den damaligen Regierenden Bürgermeister von West-Berlin Willy Brandt und auch auf Ernst Lemmer, den Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, abgegeben.

Brandt hatte sich seit dem 13. August vehement gegen den Mauerbau eingesetzt und in einer Erklärung von diesem Tag die Grenze mit der „Sperrwand eines Konzentrationslagers“ gleichgesetzt, was ihn zur Zielscheibe der DDR-Propagandamaschinerie machte.

Über den Mittag, Nachmittag und Abend verteilt wurden im Berliner Rundfunk zahlreiche Einblendungen gesendet, die Stimmungsbilder transportierten, Kommentare beinhalteten oder direkt an Brandt adressiert waren.

Um 18.30 Uhr lief über alle Sender der DDR eine Erklärung des Ministerrats der Deutschen Demokratischen Republik. Mit dieser Stellungnahme reagierte die DDR-Führung auf die Ankündigung von Bundeskanzler Konrad Adenauer vom Vortag, eine Kündigung des Interzonenhandelsabkommens zwischen der Bundesrepublik und der DDR in Betracht zu ziehen. Der Ministerrat der DDR drohte in dieser Erklärung, dass die Verbindungswege nach West-Berlin über das Territorium der DDR von einem Bruch des Handelsabkommens mit betroffen wären:

„Die Verfechter harter Maßnahmen gegen die DDR sollten an die Folgen denken, die ein einseitiger Bruch des Berliner Abkommens vom Jahre 1951 nach sich ziehen würde. Sie sollten unter anderem nicht vergessen, dass das Zusatzabkommen über Zahlungen und Dienstleistungen, demzufolge die Verrechnungen für den Güterverkehr zwischen der westdeutschen Bundesrepublik und West-Berlin vorgenommen werden, ein untrennbarer Bestandteil des Handelsabkommens ist. Mit dem Bruch des Handelsabkommens würde die Bundesregierung auch das Zusatzabkommen über die Zahlungen außer Kraft setzen. Im Falle eines einseitigen Verzichts auf das Handelsabkommen würde sich die Bundesrepublik selbst die Möglichkeit der Gütertransporte auf dem Verbindungsweg der DDR entziehen. Es ist offensichtlich, dass die westdeutsche Bundesregierung mit einem solchen Schritt bewusst auch einen Schlag gegen West-Berlin führen würde. Die westdeutschen herrschenden Kreise sollten begreifen lernen, dass die Deutsche Demokratische Republik ein souveräner Staat ist und die Benutzung ihrer Verbindungswege nur auf vertraglicher Basis, das heißt in völliger Übereinstimmung mit den allgemein üblichen Normen des Völkerrechts, dulden wird.“

Nach 20.00 Uhr wurde diese Erklärung im Berliner Rundfunk und der Berliner Welle erneut gesendet.

Weitere Themen des Tages sind in zwei Sendungen der Berliner Welle überliefert. Um 18.00 Uhr wurde in dem aktuell-politischen Format „Für den Betriebsarbeiter“ in Nachrichten und Berichten unter anderem über die „fortschrittliche“ West-Berliner Tageszeitung „Die Wahrheit“ berichtet worden. Durch eine Besetzung der Druckerei war am Vortag die Herstellung der Dienstagsausgabe verhindert worden, weshalb in den West-Sektoren an diesem Tag nur eine Sonderausgabe erscheinen konnte.

Zudem thematisierte die Sendung die Entlassung von West-Berliner Siemens-Mitarbeitern, die der SED angehörten. In den Siemens-Halske- und Siemens-Schuckertwerken streikten die Arbeiter, bis die SED-Mitglieder die Werke verlassen hatten. Die Reporter der Berliner Welle interviewten dazu zwei entlassene Arbeiter, die die Initiatoren des Streiks verurteilten, weil sie die anderen Mitarbeiter aufgehetzt hätten.

Wahlplakate in Bonn zur Bundestagswahl 1961, Foto: Bundesarchiv, Bild 173-1326/Helmut J. Wolf/CC-BY-SA 3.0

Um 19.00 Uhr machte sich Gerhard Mackat in seinem Abendkommentar in der Sendung „Die aktuelle Berliner Welle“ die Wahlkampf-Auseinandersetzungen zwischen Konrad Adenauer und Willy Brandt zu Nutze und stellte Willy Brandt und Ernst Lemmer als politisch isoliert dar.

„Also, es ist ratsamer sich jetzt genau zu vergewissern, wie die Kräfte real verteilt sind. Es ist weitsichtig zu erkennen, dass von Brandt und Lemmer selbst die Westmächte und auch Herr Adenauer abrücken. Es ist gut zu begreifen, dass ohne Zweifel nicht nur die Deutsche Demokratische Republik, auch nicht nur das sozialistische Lager, sondern alle friedliebenden Menschen der ganzen Welt erheblich stärker geworden sind, seit der Brückenkopf des Militarismus so verlässlich abgeriegelt ist.“

In dem Kommentar ging Mackat auch auf die Verwüstung eines Kreisbüros der SED in Reinickendorf ein, dem die „Aktuelle Berliner Welle“ einen ganzen Bericht widmete. Mehrere Minuten wurde auch einem Beitrag mit Umfragen eingeräumt, der im Programmablaufplan den bezeichnenden Titel „Das Leben geht seinen normalen Gang“ trägt.

Im Berliner Rundfunk, dessen Programm die Berliner Welle wie gewohnt um kurz nach 0.00 Uhr übernahm, und den angeschlossenen Sendern lief auch in dieser Nacht wieder ein Sonderprogramm, das den Hörern neben den Musikflächen zahlreiche aktuell-politische Einblendungen, Grüße und neu verfasste Lieder bot.

 

                                                                                         Alexandra Luther/Karl Obermanns