Montag, der 14. August 1961:
Aktuell-politische Sendungen im Berliner Rundfunk

Seit den frühen Morgenstunden wurden am 14. August für die Berufstätigen immer wieder die Fahrplanänderungen der Reichsbahn durchgesagt. Der Hörfunk hatte sich nun mit seinem Programm auf die Ereignisse des Vortages eingestellt. Nach kürzeren Einblendungen gab es um 10.00 Uhr bereits ein Sonderprogramm und in der nachfolgenden Sendereihe „Pulsschlag der Zeit“ versuchte der Kommentator Alfred Fleischhacker die Diskussionen auf den Arbeitsstellen mit Argumenten für den Mauerbau zu unterfüttern. Die DDR-Führung musste im Rückblick auf den 17. Juni 1953 schließlich auch mit Aufständen der Arbeiterschaft rechnen. Fleischhacker argumentierte in seinem Kommentar fast zynisch, die Regierungsmaßnahmen hätten eine Normalisierung der Verhältnisse gebracht, da dem Menschenhandel nun ein Riegel vorgeschoben sei:

„Sie haben sich selbst überzeugt, meine Hörerinnen und Hörer, das Leben in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik geht seinen normalen Gang. Endlich! Vorbei sind die Zeiten, da Kinder von der Straße weggeraubt werden konnten und die Kidnapper auch noch mit einem Verkehrsmittel des Magistrats oder der DDR ihr verbrechen organisierten.“

„Aktuelle Kamera“ vom 15.08.1961, Interview mit Arbeitern

Nach dem Kommentar sendete der Berliner Rundfunk in „Pulsschlag der Zeit“ verschiedene Umfragen und Stimmungsbilder der Bevölkerung, etwa Interviews im Transformatorenwerk Karl Liebknecht in Oberschöneweide. Der Zustimmung der Arbeiter wurde von der politischen Führung ein besonderes Gewicht beigemessen.

In einer Glosse wurden im Anschluss die „Wechselstubenbosse“, denen die Gewinne flöten gehen würden, und die Spekulanten, die nun mit den „Zähnen knirschen“, vorgeführt. Das für die Arbeitnehmer wichtige Thema des öffentlichen Nahverkehrs wurde in der Sendung mit einem Interview zum Thema „Was tut die BVG, damit der Verkehr reibungslos klappt?“ aufgenommen. Zuletzt griffen die Redakteure auch noch die Grenzgänger-Problematik auf. Aus dem Stadtbezirk Köpenick berichtete der Hörfunk, wie Einwohner, die ihre Arbeitskraft bisher im Westsektor „verkauften“, registriert und ihnen eine Arbeit in der DDR zugewiesen wurde. Auch hier lautete der Tenor „alles läuft planmäßig“ in „Ruhe und Ordnung“ ab. Es gibt keine „Krakeler oder Stänkerer“ und falls doch, so wird diesen „auf schnellstem Wege das Handwerk gelegt“.

Das weitere Programm des 14. Augusts stand im Berliner Rundfunk ganz im Zeichen von Umfragen und Stellungnahmen. Immer wieder wurden kurze Einblendungen ausgestrahlt, mit Lageberichten von der Sektorengrenze und Stimmungsbildern der Bevölkerung – vor allem von Arbeitern.

Ein Beispiel hierfür ist die Reihe „Der Berliner Stadtreporter“, die Meinungen zu den Maßnahmen der Regierung brachte, und die Sondersendung um 15.55 Uhr, in der Prominente ihre Zustimmung bekundeten. Elisabeth Hauptmann und Helmut Baierl sprachen zu den Hörerinnen und Hörern.

Sondersendung Grote 14.08.1961, Absperrung Brandenburger Tor

Um 14.29 Uhr wurde im Berliner Rundfunk live eine neue Mitteilung des Ministerrats der DDR verlesen. Das SED-Politbüro hatte am Vormittag beschlossen, den Grenzübergang am Brandenburger Tor ab 14.00 Uhr „vorübergehend“ zu schließen. Begründet wurde diese Maßnahme mit Provokationen der Westseite:

„Aufgrund der andauernden Provokationen am Brandenburger Tor, insbesondere wegen der am Montag in den Mittagsstunden durch Vertreter des West-Berliner Senats und der Bonner Regierung durchgeführten Hetzdemonstration sowie der unverantwortlichen Aufforderungen der Sender ‚Freies Berlin‘ und des ‚RIAS‘, gewaltsam die Grenze am Brandenburger Tor zu verletzen und andere gefährliche Provokationen vorzubereiten, sieht sich der Minister des Innern veranlasst, den Übergang am Brandenburger Tor ab 14. August 1961, 14 Uhr vorübergehend zu schließen.“

Bereits um 14.19 Uhr wurde erstmals eine einminütige „Warnung an Provokateure“ gesendet, die wie die Bekanntmachung des Innenministeriums den ganzen Nachmittag über mehrmals im Rundfunk lief. Der Kommentar des Tages von Gerhard Eisler um 19.45 Uhr, der zuvor bereits als Abendkommentar auf der Berliner Welle gelaufen war, nahm diese Warnung auf und richtete sich direkt an die Hörer in West-Berlin:

"Wenn ich Ihnen in West-Berlin einen Rat geben darf, so rate ich Ihnen, sich nicht gegen die Deutsche Demokratische Republik weiter aufputschen zu lassen. Halten Sie die Burschen zurück, die versuchen, gegen unsere Staatsgrenzen zu rennen, die jetzt sehr gut bewacht sind. Machen Sie jedem klar, dass derjenige, der unsere Grenze berührt, damit rechnen muss, von unseren Streitkräften in der gebührenden Weise behandelt zu werden. Machen Sie sich auch ein für alle Mal klar, dass unsere Streitkräfte, die Soldaten, mit ihren Panzern, die Volkspolizisten, aber auch die Arbeiterkampfgruppen, die unsere Grenzen bewachen, den Befehl haben, sie sehr gut zu bewachen, sie sehr gut zu schützen und sehr gut zu verteidigen. Und zwar gegen jeden Abenteurer und jede Gruppe von Abenteurern, die - aufgeputscht vom dem Bankrotteur Brandt und wie sie alle heißen - die Anordnungen und Maßnahmen unserer Regierung zu verletzen suchen. 100 Meter von unserer Grenze entfernt, das ist ungefähr die richtige zweckmäßige Entfernung.“

Für die Berliner Welle, die sich im Unterschied zum Berliner Rundfunk hauptsächlich an die Bürger in West-Berlin richtete, war die direkte Adressierung an die Westseite nicht überraschend. Der drohende Ton der Warnung verdeutlicht, wie angespannt die politische Situation in Berlin war.

Auf den Abendkommentar als Bestandteil der Sendung „Die aktuelle Berliner Welle“ folgten Stimmen zum Mauerbau, wie etwa ein „zufälliges“ Interview mit West-Berlinern, die den Maßnahmen der DDR-Regierung uneingeschränkt zustimmten – O-Ton: „Das war die höchste Eisenbahn, dass das so gekommen ist“ – und sich über die schlechten Lebensbedingungen in West-Berlin beklagten.

Menschenhändler vor Gericht vom 14.08.1961, Heinrich Toeplitz (vorne) und Beisitzer

Nach einem „wohlwollenden“ internationalen Presseecho folgte als letzter Beitrag ein Bericht von Günter Denkwerth über den laufenden Prozess gegen „Menschenhändler“.

Auch auf dem Berliner Rundfunk war über den dritten Verhandlungstag im Nachmittagsprogramm bereits berichtet worden.

Im Berliner Rundfunk, dessen Programm die Berliner Welle wie gewohnt um kurz nach 0.00 Uhr übernahm, und den angeschlossenen Sendern lief auch in dieser Nacht wieder das „Große Wunschkonzert für die Streitkräfte der DDR“. Es dauerte von 1.00 Uhr bis 7.30 Uhr am Morgen des 15. Augusts und bot neben den Musikflächen auch zahlreiche aktuell-politische Einblendungen und Grüße an die Kampfgruppen.

                                                                                       Alexandra Luther/Karl Obermanns