Sonntag, der 13. August 1961:
Aktuell-politische Sendungen im Berliner Rundfunk

Blick von der Spree auf das Funkhaus Nalepastraße Berlin-Oberschöneweide, Anfang der 1960er Jahre, Foto: DRA/N.N.

Laut der Programmzeitschrift „Funk und Fernsehen der DDR“ sollte der Berliner Rundfunk in der Nacht zum 13. August sein Programm wie üblich um zwei Uhr beenden. Doch um kurz vor zwei erfuhren die ausführenden Mitarbeiter, dass der Berliner Rundfunk bis zum Frühprogramm durchzusenden hatte. Auf dem korrigierten Sendeplan ist vermerkt: „1 Minute Pause. Es erfolgte erst 1.55 Uhr durch den Chef vom Dienst (Koll. Blankenhorn) ein telefonischer Hinweis, dass das Programm des Berliner Rundfunks in der Nacht von 12.8.-13.8.61 durchläuft. Anschlussmusik musste erst besorgt werden.“
Da der Anruf offensichtlich überraschend kam, lag im Studio nicht einmal Musik bereit, um das Programm nach 2 Uhr weiterzuführen. Deshalb herrschte auf der Frequenz des Berliner Rundfunks eine Minute Sendepause. Dieser Vermerk lässt annehmen, dass beim Berliner Rundfunk allenfalls die Mitarbeiter auf den höheren Führungsebenen über die Mauerbau-Pläne und das dadurch zu ändernde Programm informiert waren.

Wie sich der Informationsstand bei den anderen Medien darstellte, bleibt zu klären. Beim Neuen Deutschland, dem Presse-Organ des Zentralkomitees der SED, kann jedoch davon ausgegangen werden, dass weitere Kreise schon vorab informiert waren. Bereits am 13. August waren auf der Seite 1 alle Bekanntmachungen zur Schließung der Grenze zu West-Berlin abgedruckt – im Gegensatz etwa zur Berliner Zeitung. Letztere machte mit einem Prozess gegen „Menschenhändler“ unter der Überschrift „USA-Geheimdienst als Kopfjäger entlarvt“ auf.

Offiziell wurden die Medien in der Nacht zum Sonntag von der Allgemeinen Deutschen Nachrichtenagentur (ADN) der DDR durch eine um 1.11 Uhr herausgegebene Erklärung der Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten informiert. Diese Erklärung enthielt den Vorschlag, „an der Westberliner Grenze eine solche Ordnung einzuführen, durch die der Wühltätigkeit gegen die Länder des sozialistischen Lagers zuverlässig der Weg verlegt und rings um das ganze Gebiet Westberlins, einschließlich seiner Grenze mit dem demokratischen Berlin, eine verlässliche Bewachung und eine wirksame Kontrolle gewährleistet wird“. Kurze Zeit später ergänzte ADN den Text um den Ministerratsbeschlusses vom 12. August 1961.

Aktuelle Kamera vom 13.08.1961, Passanten betrachten die Bekanntmachungen

Um 2.05 Uhr verlas ein Sprecher die siebenminütige Erklärung der Warschauer Vertragsstaaten live im Berliner Rundfunk. Um 4.00 Uhr wurde diese durch den Ministerratsbeschluss der DDR ergänzt und dauerte nun ganze 19 Minuten. Diese Verlese kam jetzt nicht mehr live über den Sender, sondern wurde von vier Bändern abgespielt.

Um 6.00 Uhr ist die Verlesung der Erklärungen und Bekanntmachungen schließlich 21 Minuten lang und umfasst fünf vorproduzierte Bänder.
Im Deutschen Rundfunkarchiv (DRA) ist als Ton nur die Erklärung des Ministerrats und die Bekanntmachungen des Innen- und des Verkehrsministeriums sowie des Magistrats von Großberlin überliefert. Die Erklärung der Vertragsstaaten fehlt. Der folgende Originalton stammt aus der Verlese des Ministerratsbeschlusses.

In den folgenden zwei Nachrichtensendungen des Frühprogramms wird ebenfalls auf die Verlautbarungen Bezug genommen.

Der Ergänzungssender Berliner Welle, der wie gewöhnlich das Frühprogramm vom Berliner Rundfunk übernommen hatte, sendete ab 8.45 Uhr alleine und verwies erst in seinen 10-Uhr-Nachrichten auf die „Erklärung des Ministerrates der DDR“. Um 12.00 Uhr übernahm er schließlich vom Berliner Rundfunk die Erklärung der Vertragspartner des Warschauer Vertrages und des Ministerrats der DDR, um ab 13.00 Uhr bis Spätnachmittags wieder das Programm des Berliner Rundfunks auszustrahlen.

Neben den Erklärungen hatte der Berliner Rundfunk am Vormittag keine aktuellen politischen Sendungen zur Hand. Erst um 11.00 Uhr wurde ein Kommentar zu den Maßnahmen des Ministerrats der DDR außer der Reihe gesendet. Der planmäßige Kommentar am Sonntag um 13.00 Uhr beschäftigte sich ebenfalls bereits mit den aktuellen Ereignissen. Klaus Dieter Kröber sprach unter der Überschrift „Neue Maßnahmen gegen Menschenhandel“ über die angeblich uneingeschränkte Zustimmung der Bevölkerung und bediente das Negativbild vom Grenzgänger:

Kontrollen am Brandenburger Tor in Berlin, 13.08.1961, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-85417-0003/Hesse, Rudolf/CC-BY-SA 3.0

„Jeder ehrliche Bürger unseres Staates, das haben mir auch alle Gespräche in den heutigen Morgen- und Vormittagsstunden gezeigt, ist zutiefst einverstanden mit dem, was geschah. Die paar zehntausend Grenzgänger, die sich bisher auf unsere Kosten eine goldene Nase verdient haben, die durch die Gespräche der letzten Wochen immer noch nicht klug geworden sind, sie werden jetzt nicht mehr umhin können, sich wieder nach einer Arbeit umzusehen, die ihren Klassengenossen hilft und nicht den erbittertsten Feinden, die schon seit zig Jahren Arbeiter ausplünderten und wenn sie nicht parierten zusammenschlugen, über den Haufen schießen oder schließlich in hitlerschen' Konzentrationslagern viehisch ermorden ließen.“

Um 13.53 Uhr begann statt der angekündigten Berliner Volksmusikstunde eine erste aktuelle Magazinsendung mit einem Gespräch mit West-Berliner Radsportlern und einem Bericht vom Kontrollpunkt Heerstraße. Anstelle der Sendung „Die unvergessene Stimme“ strahlte der Berliner Rundfunk um 15.00 Uhr das anderthalbstündige Wunschkonzert für die Genossen der Volkskammer und Volkspolizei aus.

Um 16.40 Uhr berichtete Günter Deckwerth in der Sendung „Aktuelles vom Tage“ über den Prozess gegen „Bonner Menschenhändler“, der am Freitag, dem 11. August begonnen hatte und medial zu einem Schauprozess aufbereitet wurde. Der Zeitpunkt des Prozesses in der Woche des Mauerbaus scheint nicht zufällig gewählt. Der Berichterstattung darüber wurde viel Programmzeit eingeräumt. Am 13. August gab Denkwerth einen Bericht über den zweiten Verhandlungstag am Samstag. Der Beitrag, der überwiegend aus dem Originalton der Zeugenaussage des 38-jährigen Landwirts H. G. Schlickeiser bestand, war ganze 16 Minuten lang. Denkwerth bemüht sich in seinem Kommentar zur Verhandlung, die angebliche „Wühltätigkeit“ der Westmächte in der DDR aufzuzeigen:

Im weiteren Programm lief in einer eingeschobenen aktuellen Sendung um 17.50 Uhr neben Stimmen aus der Bevölkerung zu den Ereignissen ein  Kurzkommentar des Mitarbeiters Mackat. Um 19.45 Uhr wurde zusätzlich ein Abendkommentar gesendet. Der 13. August war damit stark durch Kommentare strukturiert.

Im Abendprogramm übernahm der Berliner Rundfunk den Ton von zwei aktuell-politischen Fernsehproduktionen: Es wurde eine Kurzfassung der Gesprächssendung „Treffpunkt Berlin“ mit dem Moderator Karl-Eduard von Schnitzler und seinen Gästen Horst Sindermann, Gerhard Eisler, Gerhard Kegel, Heinz Adameck und Bruno Wagner ausgestrahlt und zu später Stunde lief ein Ausschnitt aus dem „Aktuellen Gespräch“.

Porträt Gerhard Eisler 1963, Foto: DRA/Hoffmann

Das eigenständige Nachmittagsprogramm der Berliner Welle, das wie üblich um 16.30 Uhr begann, enthielt nur eine einzige eigene aktuell-politische Sendung, die um 19 Uhr begann. Zuvor waren Übernahmen vom Berliner Rundfunk gelaufen. „Die aktuelle Berliner Welle“ brachte neben den üblichen Nachrichten einen Bericht über die versuchte Verschleppung eines Jugendlichen aus Berlin-Lichtenberg mit dem Auto nach West-Berlin um seinen Vater, einen Ingenieur, abwerben zu können. Nach dieser „Räuberpistole“ brachte die Berliner Welle Stimmen aus der Bevölkerung zu den Maßnahmen der Regierung. Im Abendkommentar richtete Gerhard Eisler markige Worte an die Hörer:

„Was haben der Brandt und seine erbärmliche Mannschaft, was haben die Bonner Herren noch vorgestern und gestern gegen uns zusammengeschwätzt, wie wir in die Knie sinken werden, wie man uns bewältigen kann und schon posaunten sie der ganzen Welt über den Sieg, über ihren Sieg über den ersten Arbeiter- und Bauernstaat der Deutschen. Und wieder haben sie sich in ihrer üblichen erbärmlichen Weise geirrt.“

Um 0.11 Uhr übernahm die Welle wieder das Programm des Berliner Rundfunks, der in dieser Nacht nicht wie gewöhnlich um 1.00 Uhr Sendeschluss machte, sondern ab 2.00 Uhr bis 7.30 Uhr ein „Großes Wunschkonzert für die Streitkräfte der DDR“ sendete. Dieses spezielle Nachtprogramm verblieb für sechs Wochen im Programm des Berliner Rundfunks.


                                                                                           Alexandra Luther/Karl Obermanns