Samstag, der 19. August 1961:
Aktuelle Politik im Deutschen Fernsehfunk

Am Samstag, den 19. August 1961, begann das Fernsehprogramm um 10.00 Uhr mit einer „Direktübertragung aus Erfurt von den Endkämpfen der IV. Zentralen Pionierspartakiade“ unter dem Haupttitel „Gold, Silber, Bronze“.

Um 11.30 lief die Wiederholung der „Aktuellen Kamera“ vom Vorabend. Nachmittags um 15.30 Uhr wurde von der Abschlussveranstaltung der Pionierspartakiade berichtet und um 16.30 von einem Besuch des russischen Kosmonauten Juri Gagarin in Budapest. Der Bericht über diesen Besuch dauerte 60 Minuten statt der geplanten 45 Minuten. Die Sendung „Meister Nadelöhr erzählt Märchen“ musste an diesem Tag entfallen.

Die einzige Überlieferung aus dem Bereich „Aktuelle Politik“ vom 19. August 1961 ist die Hauptausgabe der „Aktuellen Kamera“, die wie üblich um 19.30 Uhr ausgestrahlt wurde.

Auch an diesem Tag verfolgte die Berichterstattung im Deutschen Fernsehfunk (DFF) die Aktivitäten von Willy Brandt, Unterstützung bei den Westalliierten für Maßnahmen gegen die Teilung der Stadt Berlin zu gewinnen.

Gleichzeitig wurde die Darstellungsform der Karikatur gewählt, um gegen die Machtlosigkeit der Bonner Politik in Anbetracht der Grenzschließung durch die DDR in Berlin zu polemisieren: Symbolhaft trägt Bonn hier die bisherige Berlin-Politik im Sarg zu Grabe.

Karikatur "Trauerzug Westberlin", "Aktuelle Kamera" vom 19.08.1961

Der mediale Kampf im DFF gegen die „Westberliner Wühltätigkeit“, wurde in der „Aktuellen Kamera“ exemplarisch gegen den West-Berliner Kleinhandel in Grenznähe geführt. Den „Profiteuren“ sei mit der Grenzschließung das Handwerk gelegt worden, die Händler hätten ihre Läden schließen müssen.
Die Wortwahl der „Wühltätigkeit“ hatte Walter Ulbricht auch in seinem Telefonat mit Nikita Chruschtschow über die Grenzschließung vom 1. August 1961 angeführt, in dem beide darüber berieten, wie der Mauerbau öffentlich zu rechtfertigen sei.

Der Beitrag „Situation in Westberlin“ zeigte unter anderem diese Situation der geschlossenen Läden auf der Westseite Berlins am Potsdamer Platz. Der CDU-Politiker des Berliner Abgeordnetenhauses Franz Amrehn ist auf der Westberliner Straßenseite zu sehen. Er wurde im Kommentar als „Frontstadt-Boss“ und „Tier vor neuem Tore“ bezeichnet. Dass einer der Begleiter Amrehns tatsächlich Fingernägelkauend in die Kamera blickte, wurde als visuelles Argument für die Unfähigkeit der West-Politiker in symbolischer Bildsprache herangezogen.

Horst Link:
"Potsdamer Platz, alles ruhig. Friedhofsruhig die Westseite, denn die Frontstadtlädchen haben die Jalousien für immer heruntergelassen. Die Frontstadt-Bosse, gewisse Tiere vor einem neuen Tore stehende, können es noch immer nicht fassen. Hier der Brandt-Stellvertreter Amrehn mit seinem Fingernägel knabbernden Sekretär.“

Im Gegenzug wurde der engagierte Kampfgeist junger Männer in der DDR hervorgehoben. Die Nachrichtenausgabe berichtete von dem Erfolg des am Vortag getätigten Kampfaufrufs der FDJ „Das Vaterland ruft“. Die ersten 150 Mitglieder der FDJ seien feierlich in den Dienst zur Verteidigung der DDR verabschiedet worden. Dem Zuschauer wurden applaudierende FDJ-Mitglieder gezeigt, der Kommentar spricht gar von „stürmischem Beifall“:

„Auf einem Bezirksmeeting wurden gestern die ersten 150 Mitglieder der FDJ feierlich verabschiedet. Egon Krenz, erster Sekretär der Bezirksleitung, teilte unter stürmischem Beifall mit, dass sich die gesamte Grundorganisation des Dorfes Wolgast bereit erklärt hat, als Soldat des Volkes unserem Staat zu dienen.“

Schrifttafel "Das aktuelle Interview", "Aktuelle Kamera" vom 19.08.1961

In dem Beitrag „Das aktuelle Interview“ der „Aktuellen Kamera“ befragte der Reporter Glatzer den Kommunisten Hermann Dünow, der bereits in den 1930er Jahren Mitglied der KPD gewesen war, zu seiner Einschätzung der aktuellen politischen Situation. Im Vergleich zu früheren Arbeiterkämpfen, sei es erfreulich, dass das werktätige Volk inzwischen die „Machtmittel“ habe, den Frieden zu verteidigen. Während Dünow diese Äußerung tätigte, wurden dem Fernsehzuschauer die so genannten „Machtmittel“ in Bildsprache präsentiert:

Auf der Ost-Seite des Brandenburger Tores stehen Militär-Panzer und bewaffnete Soldaten der Nationalen Volksarmee, in einer darauffolgenden Nahaufnahme stehen Soldaten aufgereiht nebeneinander, das Gewehr im Anschlag haltend.

"Heute ist das anders, heute verfügt die Partei der Arbeiterklasse, heute verfügt die Arbeiterklasse überhaupt und das ganze werktätige Volk über so viel, über diejenigen Machtmittel, die notwendig sind, unter allen Umständen den Frieden zu halten und den Frieden zu schützen“.
Den Frieden aktiv militärisch zu „schützen“ blieb Teil der SED-Ideologie bis zum Ende der DDR.

Ein paar Minuten früher als geplant lief um 22.24 Uhr die Spätausgabe der „Aktuellen Kamera“. Sie war die letzte Sendung über die aktuelle Politik an diesem Tag.

                                                                                                                            Julia Weber