Dienstag, der 15. August 1961:
Aktuelle Politik im Deutschen Fernsehfunk

Panzer auf den Straßen Berlins, "Aktuelle Kamera" vom 15.08.1961

Das Programm des 15. August 1961 startete wie gewohnt um 10.00 Uhr mit der gekürzten Hauptausgabe der „Aktuellen Kamera“ (AK). Wie an jedem Dienstagmorgen lief auch an diesem Tag im Anschluss die Wiederholung der Propaganda-Sendung „Der schwarze Kanal“.

Aus den Sendeunterlagen geht hervor, dass um 17.12 Uhr ein „Sonderbericht Erklärung“ außerplanmäßig gesendet wurde, von dem es jedoch keine Überlieferung im Deutschen Rundfunkarchiv gibt.

Die erste Sendung aus dem Bereich „Aktuelle Politik“ vom 15. August 1961, die komplett erhalten ist, ist die Hauptausgabe der „Aktuellen Kamera“ um 19.30 Uhr.

In dieser AK wurde verstärkt auf die Reaktionen der Regierungen der West-Alliierten Bezug genommen. Da diese dem Mauerbau defensiv gegenübertraten, war die Berichterstattung verhältnismäßig neutral. Der Präsident der USA John F. Kennedy und sein Außenminister Dean Rusk vertraten die Position, der Bau der Berliner Mauer verletze zwar den Vier-Mächte-Status in Berlin, eine friedliche Möglichkeit dies zu verhindern gebe es jedoch nicht. Solange der Status Quo West-Berlins und der Zugang zu West-Berlin gesichert seien, empfahlen die USA, keine Maßnahmen zu ergreifen. Die französische und die britische Regierung schlossen sich im Wesentlichen dieser Position an.
 
Viele westdeutsche Politiker hingegen, insbesondere Ernst Lemmer, Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen und Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister von West-Berlin, wollten die Teilung der Stadt nicht hinnehmen, und waren deshalb Zielscheibe der verbalen Attacken der SED-Propaganda.

Konrad Adenauer besucht am 22.08.1961 West-Berlin, rechts Willy Brandt, Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-P046883/Author: Unknown/CC-BY-SA 3.0

In der Bundesrepublik war die innenpolitische Stimmung bereits vom Wahlkampf geprägt, die Bundestagswahlen standen am 17. September 1961 an. Im Kommentar zur Senatssitzung in West-Berlin nutzte Heinz Grote vom DFF die Wahlkampf-Situation zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und Willy Brandt (SPD) aus, um beide Politiker vorzuführen:

„Adenauer will die Niederlage von Westberlin nicht mittragen. Bonn lässt Brandt fallen, weil Adenauer ohne großen Schaden aus der verfehlten Berlin-Politik aussteigen möchte. Und dabei hatte sich Brandt in den letzten Tagen wirklich alle unredliche Mühe gegeben. Wie ein Hausbursche hatte er vor den Berliner Stadtkommandanten den Rücken krumm gemacht, um sie zum Eingreifen zu animieren. Und nun bekommt er zum Dank dafür von Adenauer noch einen Tritt. Verständlich, dass das dem schönen Willy an die Nieren ging.“

Brandt hatte sich als Bürgermeister in der Krisen-Stadt Berlin vehement gegen den Mauerbau eingesetzt. In seiner Rede vom 13. August 1961 auf einer Sondersitzung des Berliner Abgeordnetenhauses kritisierte er die Errichtung der Sperranlagen mitten in der Stadt als „empörendes Unrecht“; die Grenze sei nicht lediglich eine Staatsgrenze, sondern die „Sperrwand eines Konzentrationslagers“. Er appellierte in dieser Rede an die Stadtkommandanten der West-Sektoren von Berlin und am 16. August 1961 in einem Brief an den Präsidenten der USA John F. Kennedy, die Teilung der Stadt Berlin nicht tatenlos hin zu nehmen. Die scharfe Kritik von Brandt und sein Engagement gegen den Mauerbau lösten in der DDR eine ideologische Kampagne gegen den West-Berliner Bürgermeister aus, die auch im DFF geführt wurde.
Bundeskanzler Adenauer hingegen hatte zwar Stellung zur Teilung der Stadt bezogen, nahm aber eine defensiv-diplomatische Haltung gegenüber dem Bruch des Vier-Mächte-Status Berlins durch die DDR und die UdSSR ein. Er trat erst am 22. August 1961 eine Reise nach Berlin an.

Konrad Adenauer hatte jedoch einen möglichen Abbruch der Handelsbeziehungen der Bundesrepublik mit der DDR – durch die Kündigung des Interzonenhandelsabkommens – in Aussicht gestellt. Daraufhin gab der Ministerrat der DDR eine Erklärung ab:
Die Drohung der Bundesrepublik, die Wirtschaftsbeziehungen mit der DDR abzubrechen, sei als weiterer Schritt des Westens zu werten, den Frieden in Europa zu gefährden. Die Erklärung wurde in der „Aktuellen Kamera“ von Sprecher Wolfgang Stein verlesen. Bei dem Ausschnitt handelt es sich um eine Aufzeichnung, die im Westen vom Fernsehbildschirm abgefilmt wurde, was damals eine gängige Praxis der gegenseitigen Medienbeobachtung der DDR und der Bundesrepublik war. An der mangelhaften Bildqualität lässt sich diese inzwischen historische Aufzeichnungsform erkennen.

„Berlin, 15. August 1961. Der Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik erklärt: In dem Bestreben die internationalen Spannungen zu verstärken und einer deutschen Friedensregelung neue Hindernisse zu bereiten, greifen die herrschenden Kreise der Deutschen Bundesrepublik zu verschiedenen Provokationen, die gefährliche Folgen haben können. In letzter Zeit werden in Westdeutschland erneut Drohungen laut, den Handel mit der DDR abzubrechen. Als Vorwand dafür nutzten die Gegner der Wiedervereinigung Deutschlands diesmal die Absicht der Regierung der DDR einen Friedensvertrag mit den Ländern abzuschließen, die ebenso wie die DDR für eine baldige deutsche Friedensregelung und für die Normalisierung der Lage in Westberlin auf dieser Grundlage eintreten. Die Organisatoren der neuen Provokation machen keinen Hehl aus ihren Absichten, sie wollen durch den Abbruch der Handelsbeziehungen mit der DDR deren Wirtschaft untergraben und das normale Leben der Bevölkerung der Republik stören.“

Passkontrolle an einem Grenzübergang in Berlin, "Aktuelle Kamera" vom 15.08.1961

Unterdessen blieb die DDR-Berichterstattung der Darstellung von Normalität im Alltagsleben der Berliner Bevölkerung verpflichtet.

Selbst Grenzsoldaten beteuerten in einer Umfrage, die im Situationsbericht aus Berlin in der „Aktuellen Kamera“ gesendet wurde, keine besonderen Vorkommnisse berichten zu können. Im Hintergrund der Interview-Szene konnte der Zuschauer bekannte Bilder des Alltags vernehmen: Passanten, eine Frau mit Kinderwagen, eine Straßenbahn fährt vorbei. Gleichzeitig gab einer der Grenzsoldaten kund, dass er bereit sei, jedweder Form der „Provokation“ an der Grenze Einhalt zu gebieten:

„Also ich möchte sagen, wir sind seit Sonnabend Nachmittag im Einsatz und haben bisher keine, aber auch gar keine negativen Vorkommnisse hier bei uns an der Westgrenze gehabt. Der Verkehr ist zwar sehr stark, wie Sie wahrscheinlich selbst sehen werden. Am Sonntag war er selbstverständlich noch viel stärker und wir haben wie gesagt – die Bürger haben Ordnung und Ruhe bewahrt. Wir werden natürlich jeden, der hier versucht in irgendwelcher Form zu provozieren, zeigen, woher wir kommen und wozu wir hier stehen. Trotz des langen Dienstes sind wir natürlich bereit, auch weiterhin unseren Dienst so zu versehen, dass hier die Ruhe und Ordnung in Berlin gewährleistet ist und die Sicherheit der Bürger und unserer Werktätigen gewährleistet ist.“

In der „Aktuellen Kamera“ sollte mit der Berichterstattung über den Westteil der Stadt demonstriert werden, dass die „Wühltätigkeit“ erfolgreich unterbunden werden konnte. Der Kleinhandel an den Grenzübergängen könne nun nicht mehr vom Grenzgeschäft profitieren, und für freie Arbeitsstellen in West-Berlin kämen nun keine „billigen Ostler“ mehr in Frage.

Aktuelle Sendungen im Abendprogramm

Weitere Sendungen über die aktuellen Ereignisse liefen im Abendprogramm: Die „Sondersendung mit Karl-Eduard von Schnitzler“ um 21.30 Uhr, im Anschluss die Sendung „Wem nützt das eigentlich?“ über militärische Aktivitäten der Bundesrepublik aus der Sicht von Oberst Hajo Herbell, Journalist der Zeitung „Neues Deutschland“. Diese Sendung ist ohne Ton überliefert.

Die scharfe Kritik Willy Brandts an dem Bau der Berliner Mauer wurde am 15. August in einer Fernseh-Glosse über den West-Berliner Bürgermeister um 22.38 Uhr verarbeitet.

Die letzte Sendung des Tages war die Spätausgabe der „Aktuellen Kamera um 22.59 Uhr.

                                                                                                                            Julia Weber