Montag, der 14. August 1961:
Aktuelle Politik im Deutschen Fernsehfunk

Vorspann-Schrift der "Aktuellen Kamera" vom 14.08.1961

Auch am 14. August 1961 verlief der Programmtag im DFF nicht nach Plan. Zwar startete das Fernsehprogramm wie üblich um 10 Uhr mit der „Aktuellen Kamera“ (AK) vom Vorabend, im Anschluss aber wurde die Folge „Der schwarze Kanal“ vom 13. August eingeschoben, die bereits am Abend zuvor außerplanmäßig gesendet worden war. Somit verzögerten sich die darauffolgenden beiden Programmbestandteile um ca. 20 Minuten.

Tagespolitische Themen wurden ansonsten wie gewohnt um 19.30 Uhr in der „Aktuellen Kamera“ behandelt. Diese Ausgabe der AK stand ähnlich dem Vortag im Zeichen der ideologischen Begründung der Grenzschließung auf politischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene. Das beinhaltete eine konstante Betonung der „imperialistischen“ und damit „kriegstreiberischen“ Aktivitäten des Westens, insbesondere der Bundesrepublik.

Die Grenzschließung in Berlin wurde als fürsorgende Schutzmaßnahme für ein Frieden liebendes Volk dargestellt. Negative Meldungen der Westpresse wurden dementiert und Zustimmungsbekundungen in der internationalen Presse, speziell aus dem westlichen Ausland, besonders hervorgehoben.

Die ideologische Kampagne, die innerdeutsche Grenzschließung und die Teilung der Stadt Berlins als Friedensmaßnahme darzustellen, sollte den einfachen Arbeiter genauso überzeugen wie die so genannte Intelligenz des Landes, die junge Generation ebenso wie die alte. Aus diesem Grund führte der DFF Umfragen durch, die das Einverständnis der Arbeiterschaft und der allgemeinen Berliner Bevölkerung zum Ausdruck brachte.

Grenzübergang am Brandenburger Tor, "Sondersendung Grote" vom 14.08.1961

Auch die Legitimation der DDR als souveränem Staat und seinem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht wurde in die  Rechtfertigungsbemühungen integriert. In einem Beitrag der „Aktuellen Kamera“ verlas der Schauspieler Gustav von Wangenheim einen persönlichen Brief an Walter Ulbricht. Darin stellte er Ulbricht in eine Traditionslinie mit August Bebel, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Ulbricht wurde damit zum Hoffnungsträger der sozialdemokratischen und sozialistischen deutschen Tradition stilisiert.
Damals war es im Fernsehen der DDR noch relativ üblich, sich in einem pädagogisch-belehrenden Tonfall an die Zuschauer zu wenden. So hatte auch das Verlesen der Briefzeilen von Wangenheims einen aufklärerisch-belehrenden Ton. Duktus und Körpersprache mit erhobenem Zeigefinger und geballter Faust, um die eigenen Worte zu unterstreichen, entsprachen einer Rhetorik, die bald darauf vom Fernsehbildschirm verschwand.

„Heute fürchten die Feinde des Sozialismus Dich, Genosse Walter Ulbricht, weil Du es verstanden hast, das Erbe von Bebel, Karl und Rosa, ihre besten Gedanken zu bewahren und weiter zu entwickeln“

Mit dem Bezug auf die sozialen und kommunistischen Bewegungen vor 1945 sollten die SED-Parteikader, die diesem politischen Milieu entstammten von der von Ulbricht geführten DDR überzeugt werden. In dem Brief heißt es weiter: „Mein Vater hat in Kaiser Wilhelms Zeiten auf Versammlungen der Sozialdemokratie neben Bebel gestanden. Als Vaters Erbe steh ich heute mit Millionen deutscher Sozialisten und freiheitlich gesinnten Menschen neben Dir, lieber Genosse Walter Ulbricht“. Walter Ulbricht wurde als Staatschef dargestellt, der aus der deutschen Sozialdemokratie und der noch jungen DDR bereits eine Erfolgsgeschichte gemacht hatte.


Aktuelle Sendungen im Abendprogramm

Heinz Grote im Studio, "Sondersendung Grote" vom 14.08.1961

In der „Sondersendung Grote“, die nach der „Aktuellen Kamera“ kurzfristig um 19.59 Uhr eingeschoben wurde, kommentierte Heinz Grote die Geschehnisse des Tages: Aktueller Anlass war die Sperrung des Grenzübergangs am Brandenburger Tor. Der Befehl dazu wurde um 14 Uhr vom Präsidenten der Volkspolizei Berlin erteilt.
Als Begründung gab der Fernsehkommentator Provokationen durch Jugendliche an, die von westlichen Feinden dazu animiert worden seien. Der Fernsehzuschauer jedoch blickte vor allem in entsetzte Gesichter, die die Trennung ihrer Stadt an diesem prominenten Grenzübergang ungläubig und zum Teil schimpfend beobachteten. Auffällig ist, dass einige der ungefragt gefilmten jungen Männer ihr Gesicht mit der Hand verdeckten. Bedrohliche Provokationen, die die gezeigten Panzer vor dem Brandenburger Tor rechtfertigen sollten, sind auf den Bildern allerdings nicht zu sehen:

„Um die Mittagsstunde rotteten sich am Brandenburger Tor einige Leute zusammen, einige Schreihälse, die es offensichtlich darauf anlegten, Provokationen durchzuführen. Vorgeschickt wurden wie immer in solchen Fällen Halbwüchsige, die offenbar nicht wussten, wofür sie missbraucht wurden. Dirigiert aus dem Hintergrund von Leuten, die sehr genau wussten, was sie wollten und die alles darauf anlegten. Die Situation spitzte sich zu und um weitere Provokationen zu vermeiden wurde das Brandenburger Tor heute 15 Uhr für den Durchgang gesperrt.“

Um 20.40 Uhr wurde die Ausstrahlung des Unterhaltungsfilms „Sieben Briefe“ für vier Minuten unterbrochen. Im „Sonderbericht Eisler“ appellierte der Kommentator Gerhart Eisler an die West-Berliner Bevölkerung, sie möge Verständnis für die Grenzschließung zeigen. Zum einen sollte auch der West-Berliner von der Grenzschließung als notwendige friedenssichernde Konsequenz überzeugt werden, zum anderen wollte man mit der Information über die aufgestellten Streitkräfte der DDR an der Ost-Berliner Sektorengrenze den West-Berlinern warnend den Ernst der Lage verdeutlichen.

Um 21.40 Uhr lief mit einer 25-minütigen Verspätung „Der schwarze Kanal“, in dem von Schnitzler anhand diverser Ausschnitte der westdeutschen Berichterstattung die Bundesrepublik als den eigentlichen „Unterdrücker“ des Volkes hinstellte, der nichts mehr fürchten würde als den Friedensvertrag. Die Bundesrepublik Deutschland und die Westalliierten lehnten tatsächlich einen Friedensvertrag ab, denn er hätte die völkerrechtliche Anerkennung der DDR und die Aufgabe der Wiedervereinigung Deutschlands bedeutet. Die Ablehnung des Friedensvertrags wurde in der DDR ideologisch als Ablehnung des Friedens per se und somit als Kriegstreiberei gewertet.

Walter Ulbricht im Gespräch mit Arbeitern und Soldaten, "Sondersendung mit Wolfgang Stein" vom 14.08.1961

In der „Sondersendung Stein“ um 22.14 Uhr wurde Walter Ulbricht erneut an diesem Tag als volksnahes Staatsoberhaupt dargestellt. Der Filmbeitrag zeigte Ulbricht im Gespräch mit Arbeitern und Grenzposten. Wolfgang Stein betonte in seinem Kommentar die Dialogbereitschaft zwischen Ulbricht und „seinem“ Volk. Der Beitrag stand im Zeichen des propagierten Konsenses zwischen Volk und Führung.

Um 22.23 Uhr wurde die Fortsetzung des Prozess-Berichts „Menschenhändler vor Gericht“ vom Vorabend kurzfristig ins Programm aufgenommen. In dieser Sendung zeigte man eine Gerichtsverhandlung, in der sich westdeutsche Bürger dem Vorwurf der Spionage-Tätigkeit und des „Menschenhandels" zu verantworten hatten.

Um 23.01 Uhr schloss das Fernsehprogramm mit der Spätausgabe der „Aktuellen Kamera“.

                                                                                                                            Julia Weber