Von Kriegstreibern, Menschenhändlern und den „Maßnahmen unserer Regierung“
Aktuell-politische Sendungen im Berliner Rundfunk vom 13. bis 19. August 1961

„Bonner Kriegstreiberei“, „Menschenhandel“ und die „Wühltätigkeit“ der Westmächte in der DDR – so lauteten die Schlagworte im Berliner Rundfunk, mit denen in der Programmwoche ab dem 13. August 1961 versucht wurde, den Mauerbau zu rechtfertigen. Zahlreiche Sondersendungen und Einblendungen zum Thema wurden unangekündigt ausgestrahlt. Mit zahllosen Umfragen versuchte der Rundfunk, die Zustimmung der Bevölkerung Ost in Szene zu setzen.

Grenzsoldaten am Potsdamer Platz, Berlin 13.08.1961, Foto: Pressebild-Verlag Schirner/DHM

Im Juli 1961 beantragten 30.415 Bürger aus der DDR die Aufnahme in die  Bundesrepublik Deutschland – diese Zahl an Flüchtlingen entsprach dem höchsten Stand seit Juni 1953. Für die DDR-Führung stellte der zunehmende Strom der Abwanderer eine dramatische Entwicklung dar. Bereits im Mai 1952 war die innerdeutsche Grenze abgeriegelt worden, was den Druck auf die verbliebenen Fluchtwege verstärkte. Das „Schlupfloch“ Berlin zu schließen, lag schon früh im Interesse der DDR-Führung. Die Sowjetunion zeigte sich gegenüber diesem Vorhaben jedoch lange abgeneigt.

Pressekonferenz vom 15.06.1961, Ulbricht zum Mauerbau

Am 15. Juni 1961 bestritt der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht auf  eine Frage der Journalistin Annamarie Doherr von der Frankfurter Rundschau alle Pläne zum Mauerbau:
„Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll ausgenutzt, äh, eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Im Jahr 1961 verschlechterten sich die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen. Ursache hierfür waren Ereignisse wie die gescheiterte Invasion in der Schweinebucht auf Kuba oder die Rede des amerikanischen Präsidenten Kennedys vom 25. Juli, in der er die Verteidigung Berlins bekräftigte. Es kam zu einem Stimmungsumschwung der sowjetischen Führung in der „Grenzfrage“. Die endgültige Entscheidung zum Bau der Mauer fiel am 1. August 1961 in einem Telefonat des sowjetischen Partei- und Regierungschefs Nikita Chruschtschow mit dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter Ulbricht. Erst im Jahr 2009 ist die Niederschrift dieses Gespräches publik geworden. Zunächst ging es in dem Telefonat um die wirtschaftliche Lage der DDR und Ulbricht nahm unter anderem Bezug auf die Versorgungsmängel durch die schlechte Ernte im Jahr 1960 und die Forderungen der Bevölkerung:

„Außerdem übersteigt die Kaufkraft der Bevölkerung bei uns gegenwärtig das Warenangebot um zwei Milliarden Mark. Die Bevölkerung stellt Forderungen, die nicht befriedigt werden können. Das Problem des Kaufkraftüberhangs gegenüber dem Angebot können wir bei offener Grenze nicht lösen, (…). (…) Neben der Wühltätigkeit Westdeutschlands gibt es also eine Reihe Fragen, die bei offener Grenze nicht zu lösen sind. Wir erleiden große Verluste durch die Grenzgänger und die Republikflucht.“ Zum Ende des über zweistündigen Telefonats führt Ulbricht zur Grenzschließung an: „Technisch können wir das in zwei Wochen vorbereiten.“ Und Chruschtschow gibt Ulbricht das erhoffte Einverständnis: „Führt das durch, wann ihr wollt, wir können uns jederzeit darauf einrichten.“

Inhalt des Telefonats war auch, wie man den DDR-Bürgern die Maßnahmen vermitteln könnte. Chruschtschow plädierte dafür, nicht die wirtschaftliche Lage als vordergründiges Argument zu bedienen: „Die Schließung der Grenzen muss politisch begründet werden, und davon sind dann die wirtschaftlichen Folgen abzuleiten.“ Und etwas später: „Wir müssen ein gemeinsames Kommuniqué veröffentlichen, wo die DDR im Interesse der sozialistischen Länder gebeten wird, die Grenze zu schließen. Dann machen Sie das auf unsere Bitte. Das ist keine innere, keine wirtschaftliche, sondern eine große allgemein politische Angelegenheit.“

In der Woche des Mauerbaus wurde mit Hilfe der Medien in der DDR viel Aufwand betrieben, um diese „Maßnahmen“ der Regierung zu rechtfertigen.

Der DDR-Hörfunk: Argumente für den Mauerbau

Aufsteller an der Staatsgrenze am Checkpoint Charlie, Berlin 28. Oktober 1961 Foto: DRA/Vent, Günther

Der heute geläufige Begriff „Mauerbau“ wurde von den Radiosprechern in der DDR nicht über den Sender geschickt. Die Kommentatoren sprachen von Schutzmaßnahmen an der Grenze oder verklausuliert von den „Maßnahmen unserer Regierung“.

Die grundlegende Argumentationslinie, die seit dem 13. August von den Medien verbreitet wurde, lässt sich auch in der „Erklärung der Regierungen der Warschauer Vertrags-Staaten“ erkennen. Hier findet sich zunächst der außenpolitische Aspekt der „Kriegstreiberei“ des Westens: „Die Westmächte beantworten die von Friedensliebe getragenen Vorschläge der sozialistischen Länder mit verstärkten Kriegsvorbereitungen, mit der Entfachung einer Kriegshysterie und mit der Androhung militärischer Gewalt.“ Die Mauer wird damit als Schritt zur Friedenssicherung verkauft. Zudem wird immer wieder die so genannte Wühltätigkeit der Westmächte in der DDR bemüht und der Vorwurf erhoben, Bürger der DDR würden gezielt von Menschenhändlern abgeworben und in die BRD gelockt:

„Die Westmächte haben sich nicht nur nicht um die Normalisierung der Lage in West-Berlin bemüht, sondern fahren fort, es verstärkt als Zentrum der Wühlarbeit gegen die DDR und andere Länder der sozialistischen Gemeinschaft zu missbrauchen.“ Und weiter: „Diese zahlreichen Wühlzentralen schleusen in die DDR Agenten ein, damit sie verschiedene Diversionen unternehmen, sie werben Spione an und putschen feindliche Elemente zur Organisation von Sabotageakten und Unruhen in der DDR auf.“

In den Sendungen des Berliner Rundfunks wurde als wirtschaftliches Argument zudem häufig auf die Grenzgänger verwiesen, die sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern würden.

Aufstellen von Betonblöcken, Berlin, August 1961, Foto: Bundesarchiv, Bild 173-1321/Helmut J. Wolf/CC-BY-SA 3.0)

Neben der permanenten Wiederholung dieser Argumente in den Kommentaren und Berichten waren Stimmungsbilder aus der Bevölkerung ein wichtiger Sendebestandteil im Hörfunkprogramm. Vor allem auf der Fürsprache der Arbeiterschaft lag großes Gewicht. In den Umfragen wurde die uneingeschränkte Zustimmung der Bevölkerung zu den „Maßnahmen unserer Regierung“ dargestellt. In den Berichten gaben die Hörfunkjournalisten zudem den Tenor aus, für die West-Berliner und die Alliierten liefe alles seinen gewohnten Gang und für die Ost-Berliner sei die Grenzschließung ein Weg zur „Normalisierung der Verhältnisse“. Mit der tatsächlichen Wahrnehmung der Berliner Bevölkerung von den Ereignissen in ihrer Stadt deckten sich diese Umfragen und Darstellungen freilich nicht.

Die Überlieferungslage der aktuell-politischen Sendungen

In der Programmwoche vom 13. bis 19. August 1961 des hier untersuchten Berliner Rundfunks lässt sich feststellen, dass zahlreiche unangekündigte aktuell-politischen Sendungen ausgestrahlt wurden. Die vorgesehenen Musikflächen wurden dafür gekürzt. Neben den bereits als Sondersendungen deklarierten Programmbestandteilen arbeitete der Berliner Rundfunk mit vielen kürzeren Einblendungen, die aus aktuellem Anlass produziert wurden: Glossen, Stellungnahmen bekannter Persönlichkeiten oder satirischen Liedern und Gedichten. Eine Besonderheit war auch das durchgehende Nachtprogramm im Hörfunk, das am Spätabend des 13. August als „Großes Wunschkonzert für die Streitkräfte der DDR“ ins Programm aufgenommen wurde. Im Deutschen Rundfunkarchiv ist ein 96-minütiger Ausschnitt aus einem Grußkonzert vom Morgen des 20. Augusts 1961 überliefert. 

Unter den in dieser Internetpräsentation aufgegriffenen Hörfunk-Rubriken haben die aktuell-politischen Sendungen die beste Überlieferungslage. Die selektive Aufbewahrung des Rundfunks der DDR konnte durch die damals üblichen Programmmitschnitte von westdeutscher Seite – wie etwa vom West-Berliner Sender RIAS – ergänzt werden. Trotz dieser Zusammenführung der Bestände ist jedoch ein nicht geringer Teil der aktuell-politischen Sendungen aus dieser Programmwoche, von denen einige Bestandteile auch nur live gesendet wurden, nicht überliefert. Über den in diesem Internetangebot veröffentlichten Programmplan des Berliner Rundfunks sind die überlieferten Sendungen ansteuerbar.

Literatur

Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.: Dokumente zur Berlin-Frage 1944-1966 [Schriften des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V., Bd. 52/I], München 1987.

Heidemeyer, Helge: „Antifaschistischer Schutzwall“ oder „Bankrotterklärung des Ulbricht-Regimes“? Grenzsicherung und Grenzüberschreitung im doppelten Deutschland, in: Wengst, Udo; Wentker, Hermann (Hg.): Das doppelte Deutschland. Bonn 2008, S. 87-109.

Judt, Matthias (Hg.): DDR-Geschichte in Dokumenten. Bonn 1998.

Ministerrat der DDR Berlin: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik. Teil II, Berlin 1961.

Niederschrift eines Gesprächs des Genossen N.S. Chrustschow mit dem Genossen W. Ulbricht, 1. August 1961 [Quelle: Präsidentenarchiv der Russischen Föderation/Staatsarchiv für Zeitgeschichte, Moskau]. Zitiert nach: www.chronik-der-mauer.de/index.php/de/Chronical/Detail/month/August/year/1961 (14.06.2010).

Staatliches Rundfunkkomitee der Deutschen Demokratischen Republik (Hg.): Funk und Fernsehen der DDR, Berlin 1961.

www.chronik-der-mauer.de

 

                                                                                    Alexandra Luther/Karl Obermanns