„Bertolt Brecht wäre sehr stolz auf die DDR“
Kultursendungen im Berliner Rundfunk vom 13. bis 19. August 1961

Die Redaktionen Kulturpolitik und Literatur im Berliner Rundfunk nutzten in der Programmwoche vom 13. bis 19. August 1961 Stellungnahmen von Kulturschaffenden als bestimmendes Programmelement. Prominente Schriftsteller, Regisseure und Professoren bekannten sich ausdrücklich zu den „Maßnahmen“ der Regierung. Viele dieser Tonaufnahmen sind im Deutschen Rundfunkarchiv Babelsberg überliefert.

Das Programm des Berliner Rundfunks umfasste im Jahr 1961 einen Wortanteil von 35,4 Prozent. Der Hauptteil dieser Sendungen war der aktuellen Politik gewidmet. Immerhin 8,4 Prozent des gesamten Programmvolumens entfielen nach einer im Deutschen Rundfunkarchiv überlieferten Aufgliederung der Programmstruktur jedoch auf kulturelle Sendungen, die in dem Dokument unter dem Begriff „künstlerische Wort“ zusammengefasst sind.

Sendungen mit kulturellen Inhalten spielten in der jungen DDR insofern eine bedeutende Rolle, als dem Thema Kulturpolitik in der öffentlichen Diskussion in dieser Zeit ein breiter Raum gegeben wurde. Auch und gerade die Kultur sollte zur Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft beitragen.

Schriftsteller Erwin Strittmatter spricht auf der 1. Bitterfelder Konferenz am 24.04.1959, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-63679-0006/Schmidt/CC-BY-SA 3.0

Auf dem V. Parteitag der SED im Juli 1958 wurde die Kulturrevolution als notwendiger Bestandteil der sozialistischen Revolution ausgerufen. Die Kulturschaffenden sollten in der Folge die Kluft zwischen Kunst und Leben überwinden. Diese Proklamation mündete in den so genannten Bitterfelder Weg. Namensgebend dafür war eine Autorenkonferenz, die im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld am 24. April 1959 unter dem Motto „Greif zur Feder, Kumpel! Die sozialistische Nationalkultur braucht dich!“ stattfand. Diese erste Bitterfelder Konferenz sollte eine Neuausrichtung der DDR-Kulturpolitik einläuten. In seinem Schlussreferat „Fragen zur Entwicklung der sozialistischen Literatur und Kunst“ appellierte der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht an die Kulturschaffenden am Alltag der Arbeiter teilzunehmen und animierte die Arbeiter selbst zu künstlerischem Schaffen. Diese Postulate flossen auch in die Programme des Hörfunks und Fernsehens der DDR ein.

Kulturschaffende begrüßen den Bau der Mauer

Der Bau der Mauer fand im Berliner Rundfunk und der Berliner Welle neben den aktuell-politischen Sendungen auch in den Arbeiten der Redaktionen Kulturpolitik und Literatur seinen Niederschlag. Stellungnahmen von Prominenten waren in den von diesen Redaktionen verantworteten Sendungen in der Programmwoche ein bestimmendes Gestaltungselement. Die ausschließlich zustimmenden Statements der Kulturschaffenden zu den Maßnahmen der Regierung wurden in verschiedene Sendungen eingebaut oder liefen als kurze Einspieler im Programm. Diese Prominenten standen mit ihrer Bewertung des Mauerbaus nicht alleine da. Die „Grenzsicherungsmaßnahmen“ wurden von einigen Intellektuellen in der DDR durchaus positiv betrachtet. Die Kulturschaffenden versprachen sich von diesen Maßnahmen eine Stabilisierung des Systems und hofften durch die äußere Entspannung auf verbesserte Entwicklungsmöglichkeiten für die Kultur in der DDR.

"Ansprache Max Reimann" im Deutschen Fernsehfunk (DFF) vom 03.04.1962

Unter den im Deutschen Rundfunkarchiv überlieferten Stellungnahmen, die im Berliner Rundfunk und in der Berliner Welle in der Programmwoche vom 13. bis 19. August 1961 ausgestrahlt wurden, finden sich bekannte Namen wie die der Schriftsteller Bruno Apitz, Erwin Strittmatter oder Helmut Baierl. Ferner sind die Wortmeldungen von Regisseur Andrew Thorndike, von der Schriftstellerin Elisabeth Hauptmann, von Basil Spiru, einem Professor der Karl-Marx-Universität Leipzig, und von Professor Dr. Theodor Brugsch, dem langjährigen Direktor der Inneren Klinik der Charité Berlin, im DRA archiviert.

Ansonsten kann als Tonüberlieferung noch die Ansprache „Die Kommunisten und die Nation“ von Max Reimann aus der Hörfunk-Reihe „Lebendige Geschichte“ zu den kulturpolitischen Sendungen gezählt werden. Von den übrigen Hörfunksendungen dieser Rubrik ist für diese Programmwoche indes kein Ton mehr vorhanden. Im Schriftgutbestand des Deutschen Rundfunkarchivs finden sich jedoch noch einige Manuskripte oder An- und Abmoderationen der ausgestrahlten Beiträge.

Das Kulturprogramm des Berliner Rundfunks vom 13. bis 19. August

Am Sonntag, dem 13. August 1961, strahlte der Berliner Rundfunk morgens wie geplant eine Sendung aus der Reihe „Atelier und Bühne. Kritiker am Mikrofon“ aus. Die Themen der Sendung „Moskau – Weltstadt des Theaters“ und die im Schriftgut überlieferte Kritik zu dem ägyptischen Film „Djamila“, der den algerischen Befreiungskampf behandelt, standen noch in keiner Beziehung zum Mauerbau in Berlin.

Auch die halbstündige Sendung der Reihe „Gedanken und Skizzen“ im Ergänzungsprogramm Berliner Welle um 9.30 Uhr wies offensichtlich keine aktuellen Bezüge auf und wurde wie vorbereitet ausgestrahlt. Von den Beiträgen 1. Alexander Abusch: Der Friedensvertrag als echte Alternative für alle deutschen Geistesschaffenden, 2. Prof. Dr. Grell: Mutige Intellektuelle in Westberlin, 3. Ramiro Guerra: Kultur und kubanische Revolution und 4. Karl Liebknecht: Briefe an seinen Sohn, ist das Manuskript von Ramiro Guerra überliefert.

Im Nachmittagsprogramm wurde im Berliner Rundfunk die Sendung „Vom Parkett gesehen“ gestrichen und auch die für 20 Uhr angekündigten „Lieder und Songs von Nationalpreisträger Bertolt Brecht“ zum Todestag des Dichters sind offenbar nicht ausgestrahlt worden.

Am 14. August reagierten die Verantwortlichen auf die aktuellen Ereignisse und bauten in die kulturpolitische Spätabendsendung „Ereignisse und Erscheinungen“ Stellungnahmen von Harry Hindemith, Elisabeth Hauptmann und Helmut Baierl ein. Elisabeth Hauptmann nahm in ihrem Statement Bezug auf Bertolt Brecht, dessen langjährige Mitarbeiterin sie war:

„Wenn Bertolt Brecht diesen Tag erlebt hätte, wäre er sehr stolz auf die DDR. Er, der eingeschworene Feind des raubsüchtigen Militarismus, des Revanchismus. Er wäre stolz gewesen über die Maßnahmen, die jetzt getroffen worden sind, um ein friedliches Leben in dem demokratischen Sektor von Berlin und der DDR zu sichern.“

Schriftsteller Helmut Baierl bewertete den Mauerbau als großartiges Ereignis im Kampf der Arbeiterklasse:

„Aber zwischen uns, den friedlichen Bürgern und den Revanchisten drüben, stand unsere Armee, unsere Polizei und dieses große Gefühl der Sicherheit, die unser Staat gibt. Die wunderbare Maßnahme, eine revolutionäre Maßnahme, die den Kampf der Arbeiter fortsetzt, den Jahrhundert alten Kampf, der Arbeiter gegen den Militarismus, der Deutschland zwei Mal in eine unvorstellbare Katastrophe gestürzt hat und der eine dritte vorbereitet, die nicht stattfinden wird, weil unser Arbeiter- und Bauernstaat existiert und in der Lage ist, Maßnahmen durchzuführen, vor denen den Imperialisten der Atem im Halse stecken bleibt. Das ist heute ein wichtiges, großartiges Ereignis im Kampf der Arbeiterklasse.“

Weitere Themen der Sendung waren eine kritische Untersuchung der Ausbildung der Jugend in westdeutschen Schulen und Universitäten, die zunächst am 12. August ausgestrahlt werden sollte, und ein Redebeitrag von Kurt Hager von einer Veranstaltung in Berlin am 11. August 1961.

Bischof Moritz Mitzenheim und Walter Ulbricht, "Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens in Gold" am 16.08.1961

Der Dienstag, 15. August, war ein an kulturellen Sendungen armer Tag. Zwei   Beiträge aus dieser Rubrik wurden zudem aus dem Programm gestrichen – „Prosa und Lyrik der Völker“ und „Jan Neruda: Jugenderinnerungen“.

Am 16. August wurde die um 15.55 Uhr geplante Sendung der Reihe „Neues für den Bücherschrank“ durch einen Bericht über die Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens in Gold an Landesbischof Moritz Mitzenheim durch Walter Ulbricht ersetzt, die auch das Fernsehen an diesem Tag thematisierte.

Die Spätabendsendung „Wissenschaft im Dienste des Friedens“ um 21.50 Uhr stand ganz im Zeichen des Mauerbaus. In einem Gespräch mit Professor Dr. Alfred Zimm ging es um seine ökonomisch-geografischen Untersuchungen zur Frontstadt-Situation in Westberlin. Anschließend folgte eine Stellungnahme zu den Maßnahmen der Regierung von Professor Dr. Theodor Brugsch, dem langjährigen Direktor der Inneren Klinik der Charité in Berlin.

Am Donnerstag, den 17. August, bestand das kulturelle Programm des Berliner Rundfunks neben kleineren Einblendungen vor allem aus dem „Kulturjournal“ um 17.39 Uhr. Neben dem Beitrag „Künstler betreuen Kampfgruppen“ wurden Stellungnahmen zum Mauerbau vom Direktor des DEFA-Spielfilmstudios Albert Wilkening und vom Dokumentarfilmregisseur Andrew Thorndike gesendet. Thorndike betrachtete den Mauerbau seinerzeit als eine Notwendigkeit:

"Sie würden auch verstehen, warum ich heute erst ein wenig nach Luft schnappen musste, als mich einer fragte: Finden Sie das denn etwa schön, diesen Stacheldraht quer durch Berlin? Schön finde ich ihn schon gar nicht, antwortete ich ihm, schön kann man Stacheldraht nicht finden. Sicherlich aber ist er notwendig. Ich stellte ihm eine Gegenfrage: Finden Sie denn etwa diese Spionagenester schön, die Abwerbungszentralen, die Hetzsender? Finden Sie all das schön, womit West-Berlin gespickt ist? Finden Sie schön, wie man versucht hat uns auszuplündern, auf jede nur denkbare Weise? Fanden Sie den Schwindelkurs schön und die Grenzgänger? Finden Sie schön, wie der Herr Brandt und seine Brotgeber auf unsere mehr als hundert Vorschläge reagiert haben, die Lage zu normalisieren? Vorschläge, die wir machten, ohne unseren West-Berliner Landsleuten auch nur das Geringste von dem zu nehmen, worauf sie nun einmal so furchtbar stolz sind?“

Die Berliner Welle sendete im Abendprogramm des 17. Augusts in der Reihe „Lebendige Geschichte“ eine Ansprache des Politikers Max Reimann (KPD) unter dem Titel „Die Kommunisten und die Nation“. Reimann kritisierte darin das 1956 erfolgte Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands in der Bundesrepublik mit deutlichen Worten.

Am Freitag, dem 18. August, strahlte der Berliner Rundfunk im Vormittagsprogramm um 10 Uhr wie geplant die Sendung „Autoren kommen zu Wort“ aus. Neu ins Programm aufgenommen wurde die am Nachmittag zwei Mal gesendete Stellungnahme des Nationalpreisträgers Erwin Strittmatter. Der bekannte Schriftsteller setzte sich für den von der Sowjetunion forcierten Friedensvertrag ein:

"Mit den jüngsten Maßnahmen an der Grenze, die durch unsere Heimatstadt gezogen wurde, haben wir unserem Unbehagen über schlechte Gewohnheiten und Gewohnheitsrechte Ausdruck verliehen und den Gang der Entwicklung gefördert. Wer Frieden wünscht, muss auch den Friedensvertrag wünschen. Wer für Frieden kämpft, muss auch um den Friedensvertrag kämpfen. Ein Friede ohne Vertrag ist wie die Suppe auf der Hand."

Um 15.30 Uhr wurde als „Beitrag unseres Theaterredakteurs“ die Absetzung des Brecht-Stücks „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ im West-Berliner Schillertheater thematisiert. Die Premiere der Inszenierung wurde von Intendant Boleslaw Barlog mit Rücksicht auf die Situation in Berlin nicht zur Aufführung gebracht.

25 Minuten später strahlte der Berliner Rundfunk wie geplant eine Sendung aus der Reihe „Neues für den Bücherschrank“ aus. Vorgestellt wurde der Roman „Adlersteppe“ des sowjetischen Schriftstellers Michail Bubennow. Der Beitragstext ist als Schriftgutdokument im DRA überliefert.

Freigabeschein zur Einblendung von Stephan Hermlin vom 18.08.1961

Die Berliner Welle sendete gleich zu Beginn ihres Ergänzungsprogramms um 16.35 Uhr eine knapp siebenminütige Einblendung des Schriftstellers Stephan Hermlin. Er bezog sich darin auf einen offenen Brief, den Günter Grass und Wolfdietrich Schnurre am 16. August an die Mitglieder des Deutschen Schriftstellerverbandes in der DDR gerichtet hatten. Hermlin, der damalige Vizepräsident des Schriftstellerverbandes, hatte am 17. August in einem Antwortbrief den Maßnahmen der Regierung seine uneingeschränkte Zustimmung gegeben. Der Originalton seiner Stellungnahme ist nicht überliefert. Im DRA findet sich lediglich der Freigabeschein und die Anmoderation zu dieser Einblendung.

Auch am Samstag den 19. August warteten Berliner Rundfunk und Berliner Welle mit Stellungnahmen von Personen des öffentlichen Lebens auf. Der für seinen Roman „Nackt unter Wölfen“ bekannte Schriftsteller Bruno Apitz wandte sich an seine Leser:

"Für die Männer von damals stehen heute die Söhne und Töchter und das deutsche Volk ist nicht mehr nackt unter Wölfen. Im Bewusstsein dieser Kraft, die weit über unsere Grenzen wirksam ist, haben wir den Wölfen, die in West-Berlin heulen, eine Sperre in den Weg gelegt.“

Zudem wurde im Berliner Rundfunk um 14 Uhr und auf der Berliner Welle um kurz vor 18 Uhr eine Stellungnahme von Andrew Thorndike gesendet, die bereits am 17. August im Programm gewesen war.

Um 17.19 Uhr fügte die Berliner Welle eine Sondersendung zum Gedenken an den am Vortag verstobenen Schriftsteller Leonhard Frank in das Programm ein.

Literatur

Herbst, Maral: Demokratie und Maulkorb. Der deutsche Rundfunk in Berlin zwischen Staatsgründung und Mauerbau, Berlin 2002.

Judt, Matthias (Hg.): DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn 1998.

Staatliches Rundfunkkomitee. Abteilung Planung/Statistik: Entwicklung des Deutschen Demokratischen Rundfunks in den Jahren 1957 bis 1964 (Schriftgut DRA Babelsberg, unveröffentlicht).

www.chronik-der-mauer.de

                                                                                                                 Alexandra Luther