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Kultursendungen im Deutschen Fernsehfunk vom 13. bis 19. August 1961

„Kultursendungen“, verstanden als Produktionen der Redaktion Kulturpolitik und Sendungen mit dezidiert kultureller Thematik, waren in der Programmwoche des Mauerbaus eher unterrepräsentiert. Trotzdem geben sie Aufschluss über das Selbstverständnis der noch jungen DDR. Generell spielte das Thema Kulturpolitik in der Zeitspanne um den Mauerbau in kulturellen und politischen Kreisen eine erhebliche Rolle. Einige kulturpolitische Leitlinien wirkten sich konkret auf die Entwicklung des Fernsehprogramms aus.

DDR-Kulturpolitik bis Mitte der 1960er Jahre

Seit der Gründung der DDR waren Kultur und Kulturpolitik den Zielsetzungen des Sozialismus und der Parteilinie der SED untergeordnet. Damit sollten auch kulturelle Sendungen nicht allein einen Informations- und kulturellen Mehrwert aufweisen, sondern ebenso im Sinne der Partei zur Entwicklung einer sozialistischen Gesellschaft beitragen.

Erste Bitterfelder Konferenz, Ulbricht und Quermann, 24.04.1959, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-63679-0002/Schmidt/CC-BY-SA 3.0

Im Zuge der nachstalinistischen Ära um 1956/57 war kurzzeitig ein Reformwille spürbar, oft als „Tauwetter“-Periode bezeichnet. Bald aber wurde deutlich, dass sich Reformansätze nicht verwirklichen ließen. Die SED-Parteiführung strebte stattdessen weiterhin einen harten Kurs an. Nicht zuletzt das politische Klima nach dem Ungarn-Aufstand 1956 forderte in ihren Augen konsequente Richtlinien.

Grundsätzlich war in der Phase um den Mauerbau die Kulturpolitik in politischen wie kulturschaffenden Kreisen ein zentrales und auffallend präsentes Thema. Eine Rolle mag gespielt haben, dass gegen Ende der 1950er Jahre die materielle Grundversorgung weitgehend gesichert war und somit zunehmend Kapazitäten vorhanden waren, sich mit geistigen Belangen zu befassen. Zur Abgrenzung von der Bundesrepublik auf kultureller Ebene wurde in Parteikreisen eine „sozialistische deutsche Nationalkultur“ gefordert.

Der Weg zur Bitterfelder Konferenz

Auf der Kulturkonferenz 1957 wurde eine „sozialistisch-realistische Kultur“ gefordert: Kulturarbeit als politische Massenarbeit und eine Kultur für die werktätige Bevölkerung. Im Rahmen des V. Parteitags der SED 1958 in Berlin verband die politische Führung erstmals kulturpolitische mit wirtschaftlichen Zielsetzungen und erklärte eine Kulturrevolution als notwendig für den Sieg des Sozialismus.

Es wurden auch direkte Forderungen an das Fernsehen gestellt, wie die Verbesserung der technischen und programmlichen Versorgung, ein Beitrag zur sozialistischen Bewusstseinsbildung und die Befriedigung der wachsenden kulturellen Bedürfnisse.

"Greif zur Kamera, Kumpel!" vom 22.05.1961, Schriftzug der Sendereihe

Der Bitterfelder Weg, der als „kulturelle Massenarbeit“ die Kluft zwischen Kunst und Werktätigen überwinden sollte, erreichte auch das Programm des Deutschen Fernsehfunks (DFF): Die Sendereihe „Greif zur Kamera, Kumpel“ präsentierte Amateurfilme. Die Titelgebung nahm damit Bezug auf das Postulat „Greif zur Feder, Kumpel“ aus dem schriftstellerischen Bereich. „Neue Menschen und ihre Kunst“ vermittelte als Ratgebersendung künstlerisches Laienschaffen. Die erfolgreiche Reihe „Herzklopfen kostenlos“ spürte talentierte Menschen aus dem „Volk“ auf und in „Ob das was wird?“ wurden Sendungen durch ihre Gastgeberstädte gestaltet. Ein Großteil dieser Sendereihen lief bis Mitte der 1960er Jahre.

Zentral für kulturpolitische Bemühungen um das Fernsehen wurde zunehmend seine Bedeutung als Massenmedium. Dabei erhoffte man sich eine Einflussnahme auf die Bevölkerung, allerdings schwang immer Misstrauen vor unerwünschtem Rezeptionsverhalten mit.

Die Situation nach dem Mauerbau

Da man sich auch in Kultur- und Künstlerkreisen vom Mauerbau eine Stabilisierung der Verhältnisse versprach, wurde dieser von vielen Kulturschaffenden durchaus positiv betrachtet. Jedoch blieben die erhoffte Entspannung und ein verstärkter Dialog mit politischen Entscheidungsinstanzen und der Gesellschaft aus.

Es kam im Gegenteil zu weiteren Restriktionen und Zensurfällen unter dem Vorwurf des so genannten Formalismus. So wurde 1962 an der Fernsehoper Fetzers Flucht (1962, R: Günter Stahnke) und dem Fernsehfilm Monolog für einen Taxifahrer (1962, R: Günter Stahnke) ein Exempel statuiert: Die expressive Fernsehoper, geschrieben von Günter Kunert, wurde nach zweimaliger Ausstrahlung verboten, Monolog für einen Taxifahrer kam erst 1990 zu seiner Uraufführung. Damit war im Fernsehbereich vorweggenommen, was dem gesamten Kulturbereich mit dem 11. Plenum des ZK der SED 1965, dem so genannten „Kahlschlag-Plenum“ bevorstehen sollte.

Kultursendungen und Kulturpolitik beim DFF

Themenübergreifende Formate wie die heute praktizierte Form des Kulturmagazins waren in der Anfangszeit des DFF-Fernsehens kaum etabliert. Weit verbreitet waren hingegen Formen des Porträts, also Sendungen, die Personen von herausragender gesellschaftlicher, politischer oder kultureller Bedeutung vorstellten.

Fernsehzentrum Berlin-Adlershof 1961, Foto: DRA/Zimmermann

Zudem existierten Gesprächssendungen über Kultur („Kultur im Gespräch“); Literatursendungen („Das gute Buch“ oder „Das Leben ist lesenswert“); Landeskundliches aus der „Heimat“ oder anderen Ländern; Theater-, Musik- und Filmmagazine („Hauptfilm läuft“ oder das „Opernmagazin“) und Sendungen zur Kunst- und Kulturgeschichte.

In den 1950er Jahren griffen Macher von Kultursendungen noch stark auf die Form des Kulturfilms zurück, wie man ihn als Vorfilm aus der Kinoprojektion kannte. Diese Praxis ging um 1960 zunehmend in Formen des Kulturmagazins und -berichts über.

Immer wieder kam es dabei zu Überschneidungen mit dokumentarischen Genres und der Reportage. Die ab 1961 vorübergehende Zuordnung der Kultursendungen zur „Dramatischen Kunst“ ist vermutlich dieser historischen Entwicklung geschuldet: Da fiktionale Formen in der Frühzeit eine bedeutende Rolle spielten, wurden der Kultur und der Dramatischen Kunst anfangs Formen zugeordnet, die später eher publizistischen Bereichen zukamen, wie der Bericht oder die Reportage.

Auch institutionell waren die Kompetenzbereiche noch nicht klar abgegrenzt: Das Spektrum an Sendungen mit kulturellen Inhalten verteilte sich auf die Produktionsbereiche Publizistik, Bildung, Dramatische Kunst, Dokumentarfilm und Reportagen sowie Film.

Die seit Beginn des öffentlichen Versuchsprogramms 1952 existierende Redaktion „Kulturpolitik“ arbeitete unter wechselnden Zuständigkeiten. 1963/64 wurde eine Hauptabteilung Kulturpolitik gebildet, die 1972 in die Chefredaktion Kultur mündete. Diese anfangs wechselvolle Struktur spiegelt eine generelle Phase von Experiment und Etablierung Mitte der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre wider. Erst unter der Chefredaktion wurde 1972 eine allgemeine Sendung „Kulturmagazin“ in Auftrag gegeben.

Kultursendungen in der Programmwoche des Mauerbaus

Bis in die 1970er Jahre hinein hatten Kultursendungen kaum feste Sendeplätze. Die Ausstrahlungen von Produktionen mit kulturellem Inhalt beschränkten sich in der Programmwoche des Mauerbaus auf die ersten drei Tage: den 13., 14. und 15. August 1961. Von den insgesamt vier Kultursendungen ist lediglich eine Sendung, „Franz Konwitschny – Eine Sendung zu seinem 60. Geburtstag“ vom 14. August überliefert.

Besonders präsent war in dieser Programmwoche die Form des Porträts in verschiedenen Ausprägungen.

Aktuelle Kamera von 20.06.1960, Paul Robeson bei seinem Besuch der DDR 1960 im DFF-Fernsehstudio

„Paul Robeson – seine Kunst ist seine Waffe“

Am 13. August 1961 wurde das Porträt „Paul Robeson – seine Kunst ist seine Waffe. Ein Lebensbild des großen amerikanischen Negersängers“ ausgestrahlt. Geplant um 11 Uhr wurde die Sendung zugunsten einer Sondersendung der „Aktuellen Kamera“ um 20 Minuten verschoben.

Die Porträt-Sendung über den US-amerikanischen Bürgerrechtler, Freiheitskämpfer, Schauspieler und Sänger ist nicht überliefert, aber der Titel lässt Vermutungen über mögliche Inhalte zu: Die „Kunst als Waffe“ und damit als politisches Instrument zu betrachten, entsprach dem kommunistisch geprägten Kunstkonzept. In der Sendung ging es daher vermutlich um die politische Motivation seines Gesangs.

Robeson wurde in der DDR aufgrund seiner Biografie große Bedeutung beigemessen. Der 1898 geborene Sohn ehemaliger Sklaven hatte als afroamerikanische Schauspieler und Sänger von Spirituals weltweiten Erfolg. Sein politisches Engagement galt der Bekämpfung von Rassismus, Faschismus und Diskriminierung. Das Eintreten für den Sowjetkommunismus führte zu mehrjährigem Ausreiseverbot aus den USA.

Entsprechend vereinnahmt wurde der politische Aktivist durch die DDR: Seit 1956 war er Mitglied der Akademie der Künste und 1960 wurde ihm durch die Humboldt-Universität die Ehrendoktorwürde verliehen. So sind auch im Deutschen Rundfunkarchiv mehrere Beiträge zu seiner Person von Reisen, Besuchen oder Konzerten, zu Geburts- und Gedenktagen sowie Gesangsauftritte im DFF-Fernsehen überliefert.

Karl Liebknecht zum Geburtstag

Ein ebenfalls für den 13. August um 19 Uhr geplantes Porträt wurde im Zuge der Sondersendungen zum Mauerbau auf den Folgetag auf 18.25 Uhr verschoben: „Zum 90. Geburtstag von Karl Liebknecht“. Redaktionell zugeordnet war diese den „Politischen Porträts und Gedenksendungen“.

Dass Liebknechts Geburtsdatum (13. August 1871) tatsächlich mit dem Datum des Mauerbaus zusammen fiel, reichte offenbar nicht aus, den Sendeplatz zu halten. Die Machart des Porträts ist dank des erhaltenen Manuskripts zur Sendung rekonstruierbar:

Der für Off-Sprecher konzipierte Text gestaltete sich ausnahmslos in freiem Vers mit einem pathetischen Grundtenor. Auf visueller Ebene wurde mit Tricks, nachgestellten Szenen und Filmmaterial gearbeitet. Einen Großteil bildeten jedoch so genannte „Epis“, worunter Standbilder im weitesten Sinne, meist als gezeichnete Szenen, zu fassen sind. In Bezug auf Tempo und Spannungsbogen ist diese Sendung dem Drehbuch nach nicht mit heutigen Porträts vergleichbar.

Die Mischung aus inszenierenden Passagen und dokumentarischen Formen war charakteristisch für frühe Porträt-Sendungen. Sie kam darüber hinaus dem Format der „fiktionalen Geschichtssendung“ nahe, das vor 1960 aus kulturpolitischen Gründen entstanden war.

Geschichtsdarstellungen, wie in diesem Format praktiziert, wurden in der DDR oftmals den Zielsetzungen der sozialistischen Gegenwart und Zukunft unterworfen. Sie unterstanden daher propagandistischen Zwecken. Die Sendung über Karl Liebknecht endete etwa laut Drehbuch mit der Darstellung einer „westdeutschen Demonstration gegen den Atomtod“, bevor ein letztes Mal das Bildnis Liebknechts eingeblendet wurde.

Und noch ein Geburtstag: Der Dirigent Franz Konwitschny

Am 14. August – geplant um 21.35 Uhr und verschoben auf 22.39 Uhr – lief zu einer recht späten Zeit ein weiteres Porträt: „Franz Konwitschny – Eine Sendung zu seinem 60. Geburtstag“. Bei dieser Sendung handelt es sich laut Redaktionsunterlagen um einen Vertreter der Sparte „Künstlerporträt“.

Auch dieses Porträt über den erfolgreichen Dirigenten wirkt in Schnitt-Tempo und dramatischem Spannungsbogen sowie dem pathetisch-hölzernen Stil des moderierenden Walter Mehler zumindest für heutige Sehgewohnheiten im Unterhaltungswert problematisch für die Hauptsendezeit.

"Franz Konwitschny - Eine Sendung zu seinem 60. Geburtstag" vom 14.08.1961, Der Dirigent bei der Probe

Dem Zuschauer wurden jedoch nicht nur Konzertausschnitte und ein Interview geboten, sondern auch ein Besuch beim Künstler zu Hause im Kreise der Familie. Vermutlich ist aufgrund dieses „Homestory“-Charakters die Sendung der Programmzeitschrift „Funk und Fernsehen der DDR“ (FF) einen größeren Artikel („Franz Konwitschny ganz privat“) und ein Porträt des Ausnahmedirigenten auf der Titelseite wert.

Bemerkenswert ist, dass Franz Konwitschny trotz seiner früheren Sympathien mit dem Nationalsozialismus als großer Dirigent der „Nation DDR“ dargestellt und gewürdigt wurde. Das künstlerische Schaffen und der internationale Ruf des Dirigenten waren für das junge Musikleben der DDR ausschlaggebender als seine Biografie.

Als besonders erfolgreich gilt seine Wirkungszeit ab 1933 in Freiburg i. Br., wo er Werkzyklen deutscher Komponisten dirigierte. Anschließend erstreckten sich seine Wirkungsstationen über 1945 hinweg. Zeitungsberichten zufolge ging seinem Wechsel 1949 als Kapellmeister zum Leipziger Gewandhausorchester in die neu gegründete DDR eine Verschlechterung seiner Lage unter den alliierten Besatzungsmächten voraus (DRA-Pressearchiv, Personalia).

Nach seinem frühen Ableben 1962 wurden sein Beitrag zur „sozialistische(n) Nationalkultur“ und seine „geradezu volkstümliche Dirigentenpersönlichkeit“ herausgestellt (DRA-Pressearchiv, Personalia). Ein entsprechend umfassendes und einmaliges Spektrum an Aufnahmen unter seinem Mitwirken ist im Deutschen Rundfunkarchiv überliefert.

Für Kinogänger und Filmfreunde

Am 15. August 1961 wurde die Kultursendung „Gehen wir ins Kino? Fragt Sie nicht ganz unabsichtlich Sergio Günther“ gezeigt. Sie sollte um 10:45 Uhr starten, wurde aber um fünf Minuten vorgezogen. Sendungen zu Film und Kino waren schon früh beliebt. Oftmals wurden filmgeschichtliche Themen, Schaffensrichtungen oder Regisseure vorgestellt, regelmäßig auch von Filmfestivals berichtet. In dieser Kinosendung vom 15. August scheint es sich um eine Art Magazinsendung zum aktuellen Kinoprogramm gehandelt zu haben. Weder die Sendung noch weitere Einzelheiten zum Inhalt sind überliefert.

Menschen und Porträts – ein Fazit der Woche

Auch wenn die Programmwoche des Mauerbaus nicht auf die gesamte Programmentwicklung der Kultursendungen in der Frühzeit des Fernsehens übertragen werden darf – eines ist doch auffällig: Im Vordergrund stehen Persönlichkeitsdarstellungen. Dazu noch über Menschen, die in offenbarer Weise verdienstvoll für die Ideen des Sozialismus oder der jungen „Nation DDR“ wirkten. Diese Fernsehsendungen zeigen, dass die Darstellungen von Personen und Biografien oft mit einer Vereinnahmung für die aktuelle politische Zielsetzung der DDR einher gingen.

Literatur:

Beck, Michael: Zur Herausbildung kulturpolitischer Sendungen des Fernsehens der DDR unter besonderer Berücksichtigung der Sendungen der Chefredaktion Kulturpolitik 1971-1984. Hochschulschrift, Leipzig 1985.

Dittmar, Claudia und Vollberg, Susanne (Hg.): Zwischen Experiment und Etablierung. Die Programmentwicklung des DDR-Fernsehens 1958-1963, Leipzig 2007 (darin insb. Judith Kretzschmar: Zwischen Schein und Sein. Die Kulturpolitik der DDR in den Jahren 1958 bis 1963, S. 139-159).

Franz Konwitschny. Gesammelte Presseartikel, DRA: Pressearchiv / Personalia.

Hoff, Peter: Zwischen Mauerbau und VIII. Parteitag – Das Fernsehen in der DDR von 1961 bis 1971, in: Hickethier, Knut: Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart 1998, S. 281-313.

Paul Robeson. Gesammelte Presseartikel, DRA: Pressearchiv / Personalia.

Prase, Tilo: Dokumentarische Genres. Gattungsdiskurs und Programmpraxis im DDR Fernsehen (MAZ 19), Leipzig 2006.

Schwander, Martin: Paul Robeson. Eine Biographie, Essen 1998.

Steinmetz, Rüdiger; Viehoff, Reinhold (Hrsg.): Deutsches Fernsehen Ost. Eine Programmgeschichte des DDR-Fernsehens, Berlin 2008.

Porträts/Lebensbilder, 1961-1969. B1b: Dramatische Kunst, Theaterabteilung, Kulturpolitik, DRA: SG FS Altbestand, Mag 161/19/37.

 

                                                                                                   Anna Pfitzenmaier