Jetzt schlägt’s 13!
Unterhaltungssendungen im Deutschen Fernsehfunk vom 13. bis 19. August 1961

In der Woche des Mauerbaus wurden wegen der aktuellen Berichterstattung zahlreiche Sendungen unangekündigt in das Fernsehprogramm aufgenommen und andere dafür gestrichen. Die Unterhaltungssparte war von diesen Streichungen jedoch kaum betroffen. Im Gegenteil: Es wurden sogar mehr Unterhaltungssendungen ausgestrahlt als angekündigt.

"Jetzt brummerts" vom 14.08.1961

Unterhaltungssendungen spielten im Programm des DDR-Fernsehens – nach dessen Start mit dem öffentlichen Versuchsprogramm am 21. Dezember 1952 – eine wachsende Rolle. Mit Beginn des offiziellen Programms des Deutschen Fernsehfunks (DFF) im Januar 1956 wurde eine eigene Redaktion für die Unterhaltung gegründet, die schließlich zu einer Hauptabteilung ausgebaut wurde.

Unterhaltungsendungen hatten in der DDR, wie die übrigen Programmbestandteile, einen politischen Auftrag. Die Alltagswelt der Fernsehzuschauer sollte sich in den heiteren Programmsparten widerspiegeln. Auch der Bildungs- und Erziehungs-Auftrag des Fernsehens musste in der Unterhaltung seinen Niederschlag finden. Zwar war die Anerkennung der Unterhaltung seitens der Verantwortlichen in den ersten Jahren nicht groß, doch erwarteten die Fernsehzuschauer in hohem Maße solche Programmangebote.

Erste Bitterfelder Konferenz, Walter Ulbricht und Heinz Quermann, 24.04.1959, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-63679-0002/Schmidt/CC-BY-SA 3.0

Auf der ersten Bitterfelder Konferenz am 24. April 1959, die eine Neuausrichtung der DDR-Kulturpolitik einläuten sollte, erklärte der Staatsratsvorsitzende der DDR Walter Ulbricht in seinem Schlussreferat die Unterhaltung zur „Kunst“. In seiner Rede „Fragen zur Entwicklung der sozialistischen Literatur und Kunst“ betonte er:

„Es ist auch notwendig, die heitere Muse, die Kunst der Unterhaltung, zu entwickeln. Lange Zeit hatten wir große Schwierigkeiten, weil das meiste, was gebraucht wurde, vom kapitalistischen Westen kopiert war.“

Dem „Kitsch“ als „Erbe der kapitalistischen Epoche“ sollte der Kampf erklärt und Unterhaltung auf hohem künstlerischem Niveau geschaffen werden. Als große Aufgabe bezeichnete es Ulbricht, „Talente im werktätigen Volk aufzuspüren“.

Diesem Auftrag fühlte sich etwa die Sendung „Herzklopfen kostenlos“ mit Moderator Heinz Quermann verbunden, die von 1959 bis 1973 Nachwuchskünstler im Fernsehen vorstellte. Analog zum Motto der Bitterfelder Konferenz „Greif zur Feder, Kumpel“ entwickelte das Fernsehen in der Folge Formate wie die Sendung für Amateurfilmer „Greif zur Kamera, Kumpel“.

Ab den 1960er Jahren wurden zahlreiche Sendereihen entwickelt, die sich im Vergleich zur Frühphase des DDR-Fernsehens länger im Programm hielten und eine höhere Professionalität aufwiesen. Im Zentrum der Fernsehunterhaltung stand das Show-Format. Zudem gehörten Sendungen mit Unterhaltungs- und so genannter ernsten Musik zum stetigen Angebot im Fernsehen. Es gab Spielsendungen und Formate mit Tanz, Satire, Kabarett und Varieté.

Für die Unterhaltungsprogramme bildeten sich um 1960 feste Sendeplätze. Gleichzeitig kontrollierten die Verantwortlichen die heiteren Formate zunehmend strenger. Im Sommer 1961 lagen die Hauptsendeplätze für Unterhaltungsformate am Vormittag, wo an Arbeitstagen Wiederholungen für Spätarbeiter gesendet wurden, und abends zwischen 20 und 21 bzw. 22 Uhr.

Im Jahr 1961 wurden laut statistischem Jahrbuch der DDR 358 von 3259 Programmstunden des Fernsehens mit Sendungen aus dem Bereich Unterhaltung und Musik gefüllt. Das entspricht einem Anteil von rund 12 Prozent am Gesamtprogramm. 1962 bestritt die Unterhaltung bereits über 16 Prozent der Sendestunden des Deutschen Fernsehfunks.

Fernsehunterhaltung vom 13. bis 19. August 1961


In der Woche vom 13. bis 19. August wurden wegen der aktuellen politischen Berichterstattung zahlreiche Sendungen in das Programm eingeschoben. Die Fernsehstunden pro Tag wurden dafür ausgedehnt und einige ursprünglich geplante Sendungen mussten gestrichen werden. Die Unterhaltung war von diesen Streichungen kaum betroffen. Es wurden sogar mehr Unterhaltungssendungen in das Programm aufgenommen als geplant.

"Weil ich jung bin…" vom 21.05.1961, Bärbel Wachholz

Sonntag, der 13. August, war ein ungewöhnlich langer Sendetag und begann bereits um 8 Uhr mit einer Sondersendung der „Aktuellen Kamera“. Im Anschluss wurde die erste Unterhaltungssendung ins Programm eingeschoben: „Weil ich jung bin… Ein musikalischer Bilderbogen mit Bärbel Wachholz“ vom Mai 1961. Drei weitere Unterhaltungssendungen wurden an dem Tag unangekündigt ausgestrahlt. Die Show „Sprünge, Tricks und Melodien“ wurde gleich zwei Mal am 13. August gesendet – um 12.30 Uhr und noch einmal um 23 Uhr. Ein Ausschnitt aus einer älteren Folge der Sendereihe „Gut aufgelegt“ bot den Zuschauern um 14.23 Uhr sieben Minuten Schlager als Überbrückung bis zur Originalübertragung von den Deutschen Meisterschaften im Springen und Schwimmen aus Finsterwalde. Um 16.15 Uhr wurde schließlich unangekündigt eine ältere Ausgabe der Sendung „Von Melodie zu Melodie“ ausgestrahlt.

"Die verkaufte Braut" vom 13.08.1961

Wie in den Programmzeitschriften angekündigt, wurde um 20 Uhr die komische Oper von Bedrich Smetana „Die verkaufte Braut“ Live aus dem Ort Mosigkau bei Dessau übertragen. Die Oper wurde mit dem Leipziger Rundfunkchor und dem Rundfunksinfonieorchester inszeniert. Der ungewöhnlich lange Sendetag endete erst um 23.29 Uhr mit der Spätausgabe der Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“.


Am 14. August gab es bei den Unterhaltungsformaten kleinere Abweichungen. Die angekündigte Sendung „Jetzt brummerts“ wurde eine halbe Stunde später ausgestrahlt als geplant. Die „Vier Brummers“, bestehend aus Johannes Frenzel, Eberhard Keyn, Wolfgang Roeder und Erich Weber, präsentierten Sketche und Lieder rund um das Thema Sommerurlaub. Sylvia Schüler ergänzte das Quartett und rief in Liedform zum Verzicht auf Alkohol auf und pries dafür die promillefreien Produkte der DDR-Getränkeindustrie. Um 19 Uhr wurde dann vor dem Start der Reihe „Sport und Musik“ für vier Minuten eine kleine Kabarettsendung eingeschoben, die sich auf die aktuellen Ereignisse des Vortages bezog. Die drei mitwirkenden Kleinkunstdarsteller stellten satirisch in drei Szenerien die Auswirkungen des Mauerbaus für Wechselstubenbesitzer im Westen dar.

"Sympathien durch Infamien" vom 16.08.1961, Konrad Adenauer

Dienstag, der 15. August, war ein unterhaltungsarmer Tag. Angekündigt war keine einzige Sendung aus dieser Rubrik. Um 17.20 Uhr eingefügt wurde jedoch ein Ausschnitt aus der großen Unterhaltungsreihe „Amiga-Cocktail“ mit den Moderatoren Margot Ebert und Heinz Quermann. Im Abendprogramm wurden zwei kleinere Kabarettsendungen von insgesamt zehn Minuten als Überleitung genutzt.

Am 16. August lief um 10.36 Uhr die erste Unterhaltungssendung des Tages: „Sympathien durch Infamien. Ein satirischer Fernsehbilderbogen“. Nach dem Wortlaut des politisch motivierten Beitrags: „Eine freie Werbesendung der freien Wirtschaft im freien Berlin. Sämtliche vorhandenen Personen und Ereignisse brauchten nicht erfunden zu werden. Entstehende Ähnlichkeiten sind nicht zufällig.“

"Immer Ärger mit der Liebe" vom 16.08.1961, Kabarett-Revue mit den Isarspatzen

Um 16.52 Uhr wurde unter dem Titel „Einfach zauberhaft“ eine Sendung mit dem ungarischen Zauberer Rodolfo ins Programm aufgenommen. Geplant um 20 Uhr, aber um zwei Stunden nach hinten verschoben, war die Sendung „Rhythmus aus Havanna“, in der ein Gastspiel des Tanzensembles des kubanischen Nationaltheaters in der DDR auf den Bildschirm gebracht wurde.

Der Programmtag wurde am 16. August erst um 23.36 Uhr mit der Sendung „Immer Ärger mit der Liebe. Eine kleine Kabarett-Revue mit den Isarspatzen“ beendet.
In der Sendung warten drei Freundinnen auf die Ankunft des neuen Liebhabers von einer der dreien. Währenddessen erzählen sich die drei Frauen in der Vergangenheit gescheiterte Liebesgeschichten, die in musikalischen Episoden dargestellt werden.

Donnerstag, der 17. August, war in dieser Fernsehwoche ein vergleichsweise kurzer Sendetag. In der Rubrik Unterhaltung wurde lediglich eine fünfminütige Kabarettsendung ins Programm eingeschoben. Die Kleinkunstdarsteller gingen in dieser Szenenfolge satirisch auf die Auswirkungen des Mauerbaus ein. Der Tanzfilm „Romanze an der Elbe“ war geplant, musste jedoch etwas nach hinten verschoben werden. Den DDR-Zuschauern wurden vor der Kulisse von Dresden mehrere tänzerische Szenefolgen mit Solisten der Deutschen Staatsoper Berlin geboten. Die Hauptrollen hatten Eleonore Vesco und Peter Grötsch. In dieser 20-minütigen Sendung wird augenscheinlich, wie sehr sich die Sehgewohnheiten in den 1960er Jahren von den gegenwärtigen unterscheiden. Das geringe Tempo der folgenden Sequenz, würde heutige Fernsehzuschauer wohl eher zum Umschalten animieren. 

Am Freitag, dem 18. August, wurde keine einzige Unterhaltungssendung ausgestrahlt.
Der folgende Samstagabend stand hingegen ganz im Zeichen der Unterhaltungsshow und feierte die „Grenzsicherung“. Eigentlich war die Sendung „Rendezvous in Prag“ vorgesehen gewesen, die „50 beschwingte Minuten mit Musik und Ballett“ von den Ledeburger Terrassen in Prag versprach. Als Sprecher dieser Übernahme vom tschechoslowakischen Fernsehen waren Jan Pixa und Reporter Wolfgang Lippert angekündigt. Aus aktuellem Anlass wurde jedoch ein großes Wunschkonzert für alle Angehörigen der bewaffneten Organe der DDR unter dem Titel „Jetzt schlägt´s 13!“ produziert. Zahlreiche bekannte Künstler wie Heinz Quermann, Gerhard Frei, Peter Gugalow, Bärbel Wachholz, Julia Axen, Peter Wieland, Eva-Maria Hagen und Werner Lierck erfüllten in der Live-Show Liederwünsche von den Soldaten. Über zwei Konferenzschaltungen bestand während der Sendung Verbindung zu Einheiten in der Ost-Berliner Ifflandstraße und der Leipziger Straße. Das DDR-Fernsehen selbst und die Kritiker in den Medien des Landes lobten diesen „Schnellschuss“ einhellig.
Wie einige andere Unterhaltungssendungen aus der Programmwoche ist „Jetzt schlägt´s 13!“ im Deutschen Rundfunkarchiv leider nicht überliefert.

Literatur

Schubert, Markus; Stiehler, Hans-Jörg: Programmentwicklung im DDR-Fernsehen zwischen 1953 und 1963. Programmstrukturanalytische Betrachtungen zu den Anfängen des DDR-Fernsehens. In: Dittmar, Claudia; Susanne Vollberg (Hrsg.): Zwischen Experiment und Etablierung. Die Programmentwicklung des DDR-Fernsehens 1958 bis 1963 (MAZ 26), Leipzig 2007, S. 25-63.

Steinmetz, Rüdiger; Viehoff, Reinhold (Hrsg.): Deutsches Fernsehen Ost. Eine Programmgeschichte des DDR-Fernsehens, Berlin 2008.

Hoff, Peter: Auf dem Weg zum Massenmedium – Der Ausbau des DDR-Fernsehens von 1956 bis 1961. In: Hickethier, Knut: Geschichte des deut-schen Fernsehens, Stuttgart/Weimar 1998, S. 181-197.

Hoff, Peter: Von „Da lacht der Bär“ über „Ein Kessel Buntes“ – ins „Aus“. Politische Geschichte der DDR in Unterhaltungssendungen des DDR-Fernsehens. In: Riedel, Heide (Hrsg.): Mit uns zieht die neue Zeit… 40 Jahre DDR-Medien, Berlin 1993, S.  86-94.

Staatliche Zentralverwaltung für Statistik (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1963, Staatsverlag der Deutschen Demo-kratischen Republik 1963.

Ulbricht, Walter: Fragen der Entwicklung der sozialistischen Literatur und Kultur. In: Ulbricht, Walter: Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Aus Reden und Aufsätzen. Band VIII: 1959-1960, Berlin 1965, S. 179-204.

                                                                                                             Alexandra Luther