Samstag, der 19. August 1961:
Aktuell-politische Sendungen im Berliner Rundfunk

Rede des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht vom 18.08.1961

Im Frühprogramm des Berliner Rundfunks am 19. August war die Rede Walter Ulbrichts vom Vortag erneut ein Thema. Um 7.42 Uhr wurde eine zehnminütige Zusammenfassung der Funk- und Fernsehansprache gesendet.

Die Argumentationslinie von Ulbricht griff an diesem Samstag Egbert von Frankenberg in seinem „Militärpolitischen Kurzkommentar“ auf, der nur im Schriftgut des Deutschen Rundfunkarchivs überliefert ist. Er übernahm die Ulbrichtsche Darstellung von Plänen der Regierung in Bonn, dass „militärische Überrollen der DDR einzuleiten“ und einen Krieg vorzubereiten – was durch den Mauerbau verhindert worden sei.

Dieser Kommentar wurde sowohl im Berliner Rundfunk in der Sendung „Pulsschlag der Zeit“ um 18.30 Uhr als auch zuvor als Einblendung auf der Berliner Welle um 16.32 Uhr gesendet.

Seit dem Vormittag waren zudem Berichte über eine von West-Berlinern demolierte S-Bahn im Programm. Um 10.40 Uhr ging die Sendung „Pulsschlag der Zeit“ auf dieses „Ereignis“ ein und „Der Berliner Stadtreporter“ überschrieb seinen Beitrag mit „Brandtsche Verbrechertruppen demolieren S-Bahn“.

Der forcierte Ausbau der Mauer in Berlin fand im Berliner Rundfunk an diesem Tag hingegen keinerlei Erwähnung. In der Nacht zum 19. August waren an weiteren Grenzabschnitten Betonmauern errichtet worden. Weitere Ausgänge und Fenster von an Sektorengrenzen gelegenen Häusern wurden zugemauert.

Der amerikanische Vizepräsident Johnson in Berlin, 20.08.1961, Foto: Pressebild-Verlag Schirner/DHM

Ein anderes Ereignis wurde dafür recht ausführlich im Hörfunk besprochen - der Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson in Begleitung von General Lucius D. Clay in West-Berlin. Sie landeten am 19. August auf dem Flughafen Tempelhof. In einer Rede vor dem Rathaus Schöneberg bestärkte Johnson die amerikanischen Sicherheitsgarantien für West-Berlin.

Der Berliner Rundfunk widmete um 15.44 Uhr bereits der verspäteten Ankunft Johnsons auf dem Flughafen Tempelhof eine satirische Programmeinblendung:

„Da – erscheint die Maschine, die viermotorige DC-7, jawohl im Regenvorhang – das Wasser hier auf dem Tempelhofer Feld steigt nun merklich – aber es steigt. Hoffentlich ist Vorsorge getroffen, dass sich [der Vizepräsident] nach seiner hitzigen Rede in Bonn nun hier in der Berliner kalten Luft keine kalten Füße holt. Wir wollen ihm persönlich alles Gute wünschen und auch der Kapelle, die nun zum zweiten Mal die Begrüßungsmusik spielt.“

Danach sendete der Berliner Rundfunk den unmissverständlichen Song „Ami go home“.

Auch die Funkkommentatoren griffen den Besuch Johnsons am 19. August auf. Im Berliner Rundfunk ging Prof. Dr. Hermann Ley in seinem „Kommentar des Tages“ um 19.46 Uhr, der nur im Schriftgut überliefert ist, auf die Visite des Vizepräsidenten ein.

Auf der Berliner Welle kommentierte Gerhard Mackat in der Sendung „Die aktuelle Berliner Welle“, die um 19 Uhr begann, dieses politische Ereignis in der gewohnten Argumentationslinie der Mauerbau-Woche:

„Ein Wort schließlich noch zu dem mit viel Reklame begleiteten Aufenthalt des Mister Johnson in West-Berlin. Dieser Herr kommt gerade recht, um sich mit dem bankrotten Brandt zu treffen, denn er ist ein Altwarenhändler in Niederlagen. Vorher war er bei dem bankrotten Chiang Kai-shek auf Taiwan, genannt Formosa, und in einer anderen USA-Besatzerkolonie, auf den Philippinen. Ein Mann der sich mit Panoptikumsfiguren von gestern abgibt, ist Mister Johnson. Sucht er deshalb Brandt auf? Das kann doch auch nichts daran ändern, dass seit dem 13. August Verhältnisse geschaffen wurden, die endlich Ruhe, Frieden und Sicherheit für alle Berliner in Ost und West herbeiführen helfen.“

Im letzten Beitrag der Sendung „Die aktuelle Berliner Welle“ ging es wie zuvor schon im „Pulsschlag der Zeit“ ab 18.32 Uhr auf dem Berliner Rundfunk um eine Gerichtsverhandlung. Nach dem Prozess von so genannten Menschenhändlern, der am Mittwoch der Woche mit vier Schuldsprüchen zu Ende gegangen war, stand nun eine am Vortag begonnene Verhandlung gegen fünf „Achtgroschenjungen“ im Fokus. Den angeklagten West-Berlinern wurde vorgeworfen, am 13. bzw. 14. August gegen die Sicherheitsmaßnahmen der DDR-Regierung gehetzt und Angehörige der Volkspolizei geschlagen zu haben. Wie der Reporter des Berliner Rundfunks selbst ausführte, wurde im Prozess besonderes Augenmerk auf die Persönlichkeit der Angeklagten gelegt. Ausführlich wurde auf die „verbrecherische“ Vergangenheit der West-Berliner eingegangen. Das folgende Zitat, das aus der Vernehmung des Angeklagten Gurbel durch den DDR-Staatsanwalt stammt, zeigt sehr deutlich den Schauprozesscharakter, den diese Verhandlung auszeichnete. Der Reporter leitete die Aufnahme aus dem Gerichtssaal mit folgenden Worten ein:  

„Welch billiger asozialer Elemente sich Brandt und Lemmer für ihr Geschrei bedienen, veranschaulicht die Feststellung des Staatsanwalts.“

Ab 0.07 Uhr wurde auf der Berliner Welle und im Rundfunk der DDR dann wieder das gemeinsame Nachtprogramm mit dem „Großen Wunschkonzert für die Streitkräfte der DDR“ ausgestrahlt, das noch fünf weitere Wochen im Programm des Berliner Rundfunks verbleiben sollte.

 

                                                                                    Alexandra Luther/Karl Obermanns