Freitag, der 18. August 1961:
Aktuell-politische Sendungen im Berliner Rundfunk

Bau der Berliner Mauer an der Lindenstraße, Berlin 18.08.1961, Foto: Pressebild-Verlag Schirner/DHM

In der Nacht zum Freitag wurde in Berlin der Potsdamer Platz zugemauert. Kranwagen stellten Betonplatten auf und Ost-Berliner Maurer erhöhten die Betonplatten an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengrenze mit Steinen zu einer beinahe mannshohen Mauer. Von dem Beginn der Errichtung gemauerter Sperranlagen in ihrer Stadt erfuhren die Hörer des Berliner Rundfunks nichts.

Im Frühprogramm wurde stattdessen um 6.23 Uhr erstmals der „Kampfauftrag an alle Mitglieder der FDJ“ über den Sender geschickt, der an diesem Tag im Berliner Rundfunk noch häufig thematisiert wurde. In der Sendung „Pulsschlag der Zeit“ um 10.42 Uhr stand wie in der Ausgabe von 18.30 Uhr ein Beitrag zum FDJ-Appell „Das Vaterland ruft“ an erster Stelle. Im Deutschen Rundfunkarchiv sind diese Beiträge nicht überliefert.

Aktuelle Kamera vom 18.08.1961, Kampfaufruf der FDJ

Der Deutschlandsender der DDR hat dieses Thema am 18. August 1961 in der noch erhaltenen Sendung „Mit dem Funk durch die Zeit“ jedoch ebenfalls aufgegriffen. In diesem Kommentar wurde der Aufruf an die FDJ-Mitglieder, sich als Soldaten der Volksarmee oder für die Kampfgruppen aufstellen zu lassen, als „Friedensschirm“ bezeichnet. Diese Argumentation zielte darauf ab, den Vorwurf der militärischen Mobilmachung in der West-Berliner Presse zu entkräften.

„Eine West-Berliner Abendzeitung überschreibt in der ganzen Blattbreit ihre erste Seite mit 'Mobilmachung für zwei Millionen FDJ-Mitglieder' - eindeutig in der Absicht damit die Kriegspsychose in der eingedämmten Frontstadt anzuheizen. Die jungen Sozialisten in der Deutschen Demokratischen Republik machen wirklich mobil, allerdings in einer ganz anderen Richtung als gewisse West-Berliner Frontstadtblätter das ihrem Leser einreden wollen. Es ist ein Aufgebot um den Frieden zu schirmen und die junge sozialistische Republik in der Industrie und in der Landwirtschaft noch besser zu wappnen, die Anschläge der Bonner Erpresser abzuwehren. Das Vaterland ruft – schützt die sozialistische Republik.“

Im Nachmittagsprogramm brachte der Berliner Rundfunk einige ungeplante Einblendungen. Die bevorstehende Leipziger Herbstmesse war Thema und der damalige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß wurde um 17.37 Uhr mit der Glosse „Der Friedensappell Strauß“ bedacht. Um 17.50 Uhr folgte eine Einblendung über Proteste gegen die Schließung der West-Berliner Büros der Ost-Medien Berliner Rundfunk, Berliner Zeitung und der Nachrichtenagentur Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst (ADN). Der West-Berliner Innensenator Joachim Lipschitz hatte der Polizei „aus Sicherheitsgründen“ die Anweisung dazu gegeben.

Rede des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht vom 18.08.1961

Auf dem 20-Uhr-Sendeplatz strahlte der Berliner Rundfunk als Übernahme vom Deutschlandsender die fast 80-minütige Hörfunk- und Fernsehansprache vom Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht aus. Er begann seine Rede mit einer kurzen Rückschau auf die Woche und konstatierte, dass die Wogen hier und da „etwas hoch“ gegangen seien, sich aber allmählich glätten würden. Ulbricht fügte den in den Medien schon die ganze Woche über benutzten Wortlaut „aber das Leben geht seinen ruhigen Gang“ an. Er fuhr mit einer Danksagung an alle Teile der Bevölkerung fort, die geholfen hätten, die Grenze der DDR zu schützen und dankte den Regierungen des Warschauer Vertrages. In den folgenden Minuten rechtfertigte Ulbricht die Maßnahmen der DDR-Regierung vom 13. August. Neben den üblichen Argumenten unter den Stichworten „Menschenhandel“ und „Diversionstätigkeit“ ging er besonders auf die angeblichen Pläne der Bundesrepublik ein, die DDR offen anzugreifen:

„Uns sind die Pläne der Bonner Regierung bekannt. Sie liefen darauf hinaus, durch eine auf die Spitze getriebene Störtätigkeit solche Bedingungen zu schaffen, um nach den westdeutschen Wahlen mit dem offenen Angriff gegen die Deutsche Demokratische Republik, dem  Bürgerkrieg und offenen militärischen Provokationen beginnen zu können.“

Das hier ausgewählte Hörzitat endet mit Ulbrichts Wunsch: „Mögen auch die Bürger West-Deutschlands und West-Berlins begreifen, dass es sehr wohl möglich ist, dass Ihnen durch unsere Maßnahmen das Leben gerettet wurde.“

Vorspannschrift der Hörfunk- und Fernsehansprache von Walter Ulbricht am 18.08.1961

Im Folgenden rechtfertigte Walter Ulbricht unter anderem auch den Einsatz von Panzern und Geschützen bei der Durchführung der Grenzsicherungsmaßnahmen und antwortete auf die Frage nach der Notwendigkeit: „Ich möchte es ganz unmissverständlich sagen: Jawohl, das war notwendig!“
 
Wie der Berliner Rundfunk übernahm auch die Berliner Welle diese Ansprache vom Deutschlandsender. Zuvor hatte die Berliner Welle mehrfach den Programm-Hinweis auf die Rede Walter Ulbrichts um 20 Uhr ausgestrahlt.
Neben der Ulbricht-Rede war auf der Berliner Welle der Kampfauftrag der FDJ und Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß ein Thema. In der Sendung „Die aktuelle Berliner Welle“ um 19 Uhr wurde dem S-Bahn-Boykottaufruf des Gewerkschaftsbundes in West-Berlin erneut ein kompletter Beitrag gewidmet. Der Rundfunkreporter versicherte sich bei einem Bahnmitarbeiter, dass der Verkehr wie immer gelaufen sei. Mit der Realität hatte diese Darstellung allerdings nicht viel gemein.

Im Abendkommentar der Berliner Welle nutzte Ulrich Makosch seinen „ausgewählten“ Blick in die internationale Presse dazu, gegen den bayrischen „Kraftprotz Strauß“, den „Schreier[s] vom Rudolf-Wilde-Platz“ Brandt und Konrad Adenauer zu wettern.

Im Spätprogramm von Berliner Welle und Berliner Rundfunk wurde schließlich die Antwort des sowjetischen Kommandanten von Berlin Oberst Solowjow auf die Protestschreiben der drei westlichen Stadtkommandanten vom 15. August 1961 thematisiert. Soljonow verwahrte sich gegen die externe Einmischung in die politischen Maßnahmen der DDR-Regierung.

                                                                                       Alexandra Luther/Karl Obermanns